Die Grenzen des Kompromisses: Über Angels, gute Syndikate und gute Argumente

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Seilziehen über dem Abgrund: Kompromisse taugen nicht für Prinzipienfragen

In meinen jüngsten Posts zu klugem und weniger klugem Verhalten von Business Angels finden sich ausschließlich Auffassungen, von denen ich selbst meine, sie sollten sich – eigentlich – von selbst verstehen. Genau das tun sie natürlich nicht. Denn genau deswegen habe ich sie ja gepostet. Wüsste ich, dass das, was ich so schreibe, trivial ist (weil es sowieso jede/r so macht oder machen möchte), dann hätte ich es nicht gepostet. Und wenn ich gedacht hätte, man kann das so sehen, man kann es aber auch anders sehen, hätte ich es auch nicht gepostet – denn wen um alles in der Welt interessiert meine unverbindliche persönliche Sicht der Dinge? Ich habe es also gepostet, weil ich finde, es sollte Allgemeingut unter Angels sein, obwohl es genau das nicht ist.

Wahrheitsansprüche sind nicht kompromissfähig

Man muss unterscheiden zwischen Auffassungen, die mit dem Anspruch allgemeinverbindlicher Wahrheit daher kommen und solchen, die ein dezidiert und eingestandenermaßen subjektives Empfinden, eine Meinung oder Gefühl, zum Gegenstand haben, von denen der Vortragende also weiß oder zumindest vermutet, dass andere mit ihnen andere Auffassungen verbinden können und dürfen. Es ist etwas anderes ob ich sage: Ich investieren in StartUps, weil ich mir davon eine überragende Rendite verspreche oder ob ich sage, alle Angels sollten vernünftigerweise aus diesem Hauptmotiv heraus in StartUps investieren. Letzteres mutet exotisch an: Die Wünsche anderer sind die Wünsche anderer. Wie komme ich dazu, mir ein Urteil über die Wünsche anderer anzumaßen? Und was hat das mit Vernunft zu tun?

Meiner Ansicht nach sehr viel. Alle anderen Motive werden nämlich über kurz oder lang mit dem Erfolg der Investments kollidieren. Und kein Angel möchte in nicht erfolgreiche Zielunternehmen investieren, auch dann nicht, wenn der Erfolg des Investments gar nicht das zentrale Investitionsmotiv ist. Wenn für einen Angel Investor der Spaß am Mentoring, die altruistische Ader, das vom Beruf-nicht-loslassen-Wollen, der Austausch mit anderen Investoren usf .im Vordergrund stehen, ist das aus meiner Sicht nur solange in Ordnung, wie diese Motive nicht mit dem Erfolg des Investments in die Quere kommen. Das verlangt Disziplin, viel Disziplin – zu viel Disziplin. Ich kann und darf das „selbstverständlich“ so sehen? Ist ja nur meine persönliche Meinung?

Danke, das ist sehr freundlich. Doch bei einem Disput um Wahrheit oder Richtigkeit von Auffassungen kann es keinen „Friedensvertrag“ dergestalt geben, dass alle Parteien ein bisschen nachgeben und man sich irgendwie in der Mitte trifft. Man muss überzeugen (nicht überreden). Durchaus vorstellbar ist, dass man sich auf eine dritte Position als verbindlich zu teilender verständigt. Allerdings dann nicht deswegen, weil diese dritte Position ein Kompromiss wäre, sondern deshalb, weil man im Verlauf einer Debatte festgestellt hat, dass beide bzw. alle ursprünglichen Positionen, im Unterschied zu dieser dritten Position, fehlerhaft oder angreifbar sind. Kompromisse eignen sich für Verteilungsfragen, nicht für Prinzipienfragen. Und was vernünftig ist und was nicht, das ist eine Prinzipienfrage.

Was, wenn die Mehrheit nicht hinter mir steht?

Wie gehe ich also damit um, wenn manche oder vielleicht sogar viele Business Angels eine ganze Reihe meiner Auffassungen deswegen nicht teilen, weil ich, ihrer Auffassung nach unverdient und ungefragt, für mich in Anspruch nehme, allgemeingültige Wahrheiten vorzutragen? Noch einmal: Wenn ich die anderen Auffassungen, soweit ich sie kenne, einfach so neben meiner stehenlasse, ihren Wahrheits- oder Richtigkeitsanspruch also als gleichberechtigt akzeptiere, dann habe ich damit zugleich meinen eigenen Wahrheitsanspruch schon widerlegt oder mindestens angegriffen. Es geht also wirklich nur um die Kraft des Arguments. Es geht nicht um Rhetorik, und es geht dann auch nicht um die Menge oder den Einfluss der hinter meiner Position stehenden „Truppen“. Die Zahl der Likes ist vollkommen irrelevant. Denn ginge es darum, möglichst viele Likes zu bekommen, um meine Auffassung so zu einer herrschenden zu machen, hätte ich mich selbst widerlegt. Diejenigen, die meine Auffassung deswegen teilen, weil sie ihnen sympathischer klingt und diejenigen, die sie vielleicht nur deswegen teilen, weil sie sich davon mehr Vorteile versprechen, teilen eben nicht meine Auffassung, die sie im Zweifel gar nicht verstanden haben oder verstehen wollen. Sie wollen nur so wahrgenommen werden, als würden sie diese teilen.

Machen wir es konkret.

Ich behaupte also Business Angels sollten sich nicht in das operative Geschäft von StartUps einbringen. Mir ist bewusst, dass für viele Angel-Investoren die Lust am operativen Geschäft einer von mehreren zentralen Gründen ist, warum sie überhaupt Angels geworden sind. Sie WOLLEN ihre persönlichen Erfahrungen, ihr Netzwerk, ihr Wissen weitergeben – eben nicht primär deswegen, weil sie damit Geld verdienen möchten, sondern deshalb, weil ihnen das gegen Ende oder nach ihrer eigenen Karriere eben Spaß macht. So weit, so gut. Nur: Geld verlieren wollen sie halt auch nicht. Mit dieser Haltung ist der Zielkonflikt beim Angel Programm. Mit Rat, Kontakten und Kenntnissen muss, meiner Auffassung nach, kein Angel geizen. Aber noch weniger soll ein Angel diese Ressourcen ungefragt seinen Zielunternehmen aufdrängen. Wenn Business Angels meinen, in Puppenspieler-Manier ihre Zielunternehmen lenken zu können oder gar darin ihre eigentliche Aufgabe sehen, dann sind die Gründer entweder Puppen oder die Puppenspieler erleben eine Enttäuschung. Tertium non datur.

Risiko Angel-Syndikat

Welche Relevanz hat das eben Gesagte? Dies hängt von dem jeweils konkreten Fall ab: Nehmen wir an, ein Business Angel erkennt bei einem seiner Portfoliounternehmen ein gravierendes vertriebliches Defizit; er (oder sie) meint, die nächste Finanzierungsrunde sei in Gefahr, weil Meilensteine so nicht erreicht werden könnten, es müsse dringend etwas getan werden. Dann ist das zunächst einmal eine betrübliche Erkenntnis, weil sie darauf schließen lässt, dass der Angel bei seiner Auswahl des Zielunternehmens die fehlende vertriebliche Potenz seiner GründerInnen übersehen, falsch eingeschätzt oder als nicht so wichtig außer Acht gelassen hat.

Was tut er jetzt? Soll er „seine“ Gründer coachen, soweit er das kann oder ihnen einen Vertriebscoach empfehlen, soweit er einen kennt? Soll er gar nichts machen und auf die Selbstheilungskräfte des learning by doing hoffen?

Letzteres ist keine Option (mehr), denn zum „learning“ fehlt jetzt die Zeit. Aus demselben Grund hat sich auch die zweite Option erledigt. Und die erste Option verbietet sich, weil der Angel damit genau das täte, was er meiner Ansicht nach nicht tun soll: Sich an die Stelle der Gründer zu begeben. Die Gründer werden in diesem Fall entweder erleben, dass der Angel es schon irgendwie richten wird. Für jedes Problem gibt es schließlich eine Lösung. Sie fühlen sich auf der Einbahnstraße zum Erfolg.

Eine perfekte Lösung wird es in dieser Situation nicht mehr geben können, denn das Defizit ist bereits entstanden und kann ergo nicht rückgängig gemacht werden. In dieser Situation dürfte es das Beste sein, dem Unternehmen bis zur nächsten Runde durch EMPHOHLENES Kostendrücken und äußerstenfalls, ärgerlich, durch eine Überbrückungsfinanzierung mehr Zeit zu geben. Das Gründerteam muss a) davon überzeugt werden, dass es sich vertriebliche Kompetenz auf der Führungsebene an Bord holen muss und b) die hoffentlich gefundene gute neue vertriebliche Führungskraft bis zur nun verschobenen Runde ihre Aufgabe machen lassen. Dies ist also eine Entscheidung für eine Verlängerung, die, soweit der gefundene Chief Sales Officer hält, was er verspricht, den entstandenen Schaden marginal hält, da Folgeinvestoren stets wohlwollend zur Kenntnis nehmen, wenn Defizite erkannt und behoben wurden.

Was aber geschieht, wenn sich der Angel nicht allein auf weiter Flur befindet, sondern die letzte Runde gemeinsam mit anderen im Rahmen eines Angelsyndikats bestritten hatte? Wie nimmt sich die Situation aus, wenn sich der individuelle Einfluss jedes einzelnen Angels de facto mit dem der anderen im Gleichgewicht befindet und wenn von allen diesen Angels jeweils unterschiedliche Wege für richtig oder gut befunden werden?

Dann wird bzw. werden sich diejenigen durchsetzen, die die anderen entweder zu überzeugen oder zu überreden vermochten. Und in allen Situationen ist „überreden“ schlecht und „überzeugen“ gut.  Dann kann man nur hoffen, dass unser Angelsyndikat aus Angels besteht, die guten Argumenten zugänglich sind. Daher ist es wichtig und gut, Argumente gegeneinander antreten zu lassen. Und ich trage halt meine vor. Um bei unserem konkreten Beispiel zu bleiben: Wenn der eine Angel einen Coach kennt, der andere selbst ein Vertriebscoach ist und der dritte einen Sales Officer recruiten möchte, dann spricht meine Erfahrung dafür, dass man sich auf die am leichtesten umsetzbare Strategie, die Beratung durch einen der Angels selbst verständigen wird. Sie kostet alle Beteiligten am Wenigsten und verspricht prima facie zu helfen. Wahrscheinlich wird sie allerdings nicht helfen, sondern den betreffenden Angel beschädigen und dem StartUp Zeit kosten. Denn man wird ja zunächst schauen wollen, welche Ergebnisse das Angel Coaching liefert. Wir haben dann nur Beschädigte: Das StartUp, das nicht weitergekommen ist, den Angel, dessen Intervention nichts brachte, Zweifel aller Investoren an der Fähigkeit des Gründerteams und seiner Mitarbeiter und schließlich auch erodiertes Vertrauen der Angels untereinander und der Angels gegenüber dem StartUp.

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