Die Kastration des Worts: Über Schreiben, Posten und Denken im Zeitalter der Sozialen Medien

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Maschinen verständigen sich über triviale Sachverhalte – Menschen demnächst auch?

Ich bekenne mich schuldig

Vermutlich geht es den meisten von uns ähnlich: Eine Mail oder ein Facebook- Kommentar mit einigen Rechtschreibfehlern, ein Post ohne Interpunktion aber mit Smiley, das ist längst nicht mehr die verzeihliche, dem knappen Zeitbudget geschuldete Ausnahme unserer täglichen elektronischen Mitteilungspraxis. Es ist die Regel. Auch dieser Post ist garantiert keine Ausnahme…

Wir gehen damit unterschiedlich um: Einige smarte Zeitgenossen z.B. schreiben in ihren Mails grundsätzlich alles klein. So ersparen sie sich Mühe und zeigen außerdem jedermann, dass sie in unserer Zeit angekommen sind. Andere bemühen sich zwar um richtiges Schreiben, verfehlen dieses Ziel jedoch regelmäßig und ärgern sich über sich selbst, wenn die Mail nicht mehr zurückgenommen werden kann. Zu dieser Fraktion zähle auch ich. Dann gibt es die, die derlei Fehler nicht ernst nehmen und last but not least gibt es natürlich eine zunehmende Zahl von Menschen, die Fehler überhaupt nicht registrieren.  

Fehlertoleranz als Zeichen des Fortschritts?

Muss uns das bekümmern oder ist Fehlertoleranz, im Gegenteil, ein Zeichen des Fortschritts? Man könnte mit dem Argument der „Demokratie“ kommen: Hochschulabsolventen und Hauptschulabgänger ohne Abschluss begegnen sich im Netz – endlich – auf Augenhöhe! Oder mit dem der Effizienz: Hauptsache schnell; was zählt, ist, dass der Adressat „irgendwie“ weiß oder ahnt, was gemeint wurde. Oder der Relevanz: Entscheidend ist nicht, wie (korrekt) etwas gesagt wurde, sondern dass es verstanden wurde (was immer „verstanden“ hier bedeuten mag).

In das gleiche Horn stößt auch die KI-gestützte automatische Rechtschreibkorrektur. Was wir selber, weil wir „Wichtigeres“ zu tun haben, nicht mehr hinbekommen, das nimmt uns Künstliche Intelligenz dankenswerterweise einfach ab. Wirklich?

KI für Rechtschreibung und Grammatik

„Intelligente“ Rechtschreibtools, die mir vorschlagen, welches Wort ich gemeint habe,  bevor ich auf meinem mobilen Endgerät die erste Taste angeklickt oder den ersten Vertipper begangen habe, sind für viele eine große Hilfe; bei mir führen sie aufgrund meines Ungeschicks allerdings erst zu wirklichem Zeitverlust, ehrlich!

In jedem Fall ist hier eine künstliche Intelligenz am Werk, die meine eigene natürliche Intelligenz bzw. Dummheit oder Unachtsamkeit im wahrsten Sinne des Wortes ersetzen will – und kann. Denn vor die Wahl gestellt, mühsam neu zu tippen oder den Vorschlag der Autokorrektur zu akzeptieren und den Satz auf der Grundlage des angebotenen Wortes gedanklich rasch neu zu basteln, entscheiden sich die meisten Menschen aus Bequemlichkeit für letzteres, zumal die KI ihnen ja auch beim Basteln hilft.

Keine Angst vor KI? – Echt jetzt?

Ich weiß, das klingt jetzt megauncool und altbacken – aber: Es gibt mehr als nur gute Gründe, unserer halbautomatisierten, genormten Sprache von Mensch zu Mensch mit Sorge zu begegnen.

KI gibt uns die Zeit für die wichtigen Dinge zurück? Wir können lästige Routinen endlich an „fleißige“ Algorithmen abgeben? Schon! Sicher! Aber wenn Algorithmen mich im Wege von Multiple Choice – Angeboten nachgerade nötigen, den ersten Satz meiner Mail fakultativ entweder mit „Ich“ oder mit „Die“ oder mit „Das“ zu beginnen – übrigens großgeschrieben, obwohl die Mail deutsch verfasst werden soll und deutsche Briefe und Mails, anders als im Englischen, nach einem Komma klein- und nicht großgeschrieben beginnen – dann verfalle ich schon ins Grübeln. Ganz ohne Frage werden hier Variantenreichtum, Kreativität und Individualität auf dem Altar des Zeitgewinns, der Effizienz, geopfert.

Vorbild Machinenkommunikation

Man könnte der Vorstellung das Wort reden, eine genormte und variantenreduzierte Sprache minimiere das Risiko zwischenmenschlicher Missverständnisse. Aber: Ist das einzige entscheidende Kriterium für „gute Kommunikation“ eine garantiert unzweideutige Kommunikation – unabhängig davon, wie intelligent oder weniger intelligent die Adressaten sind oder wie vertraut oder weniger vertraut ein Publikum mit einem spezifischen Sprachgebrauch ist? Ist es wichtiger, dass Menschen miteinander so unzweideutig kommunizieren wie Maschinen? Ist machine 2 machine – Kommunikation das Vorbild für jeden verbalen zwischenmenschlichen Austausch?

Eine menschliche Individuen verbindende Sprache ist nur solange zuverlässig unmissverständlich, wie sie Triviales, Offensichtliches festhält: Es ist warm heute. Die Straße ist nass. Ich bin online.

Damit soll nicht gesagt sein, es wäre besser sich kompliziert oder mehrdeutig auszudrücken. Gerade die unpräzise, nicht-eindeutige Ausdrucksweise ist das Krankheitssymptom der unsere Zeit kennzeichnenden mündlichen und schriftlichen Alltagssprache. Ihre komplizierte Schlichtheit ist die Kehrseite der durch reduziertes Nachdenken-Müssen gewonnenen Zeit. Weil die Phänomene, die Wünsche und Befindlichkeiten, die wir zur Mitteilung bringen wollen, eben meist nicht so schlicht sind, dass man sie „locker“ in indikativische SPO-Hauptsätze packen könnte, gerade deshalb drücken wir uns schriftlich und erst recht mündlich zunehmend ebenso flüchtig wie kompliziert aus. Irgendwie, meinen wir, wird mein Gesprächspartner schon begreifen, was und wie ich es gemeint habe. Sicherheitshalber kann ich meine mündliche Mitteilung ja mit einer Geste und meine schriftliche mit einer passenden Emoji versehen.

Präziser Ausdruck ist mühselig, schult aber das eigene Denkvermögen

Dabei kann man komplexe Sachverhalte natürlich durchaus zureichend eindeutig und auch einfach verbal fixieren. Man darf nur die Mühe und den gedanklichen Aufwand nicht scheuen. Es kommt nicht von ungefähr, dass gerade die „wirklichen” Intellektuellen und die guten Wissenschaftler häufig zu den sprachgewaltigsten Menschen zählen und bisweilen sogar erfolgreich in die Belletristik migriert sind, wo es, jenseits der Eindeutigkeit der Mitteilung, zusätzlich auf die Mitteilung von Atmosphäre ankommt, was, wie jeder Übersetzer weiß, noch einmal eine ungleich größere sprachliche Herausforderung darstellt. Guter sprachlicher Ausdruck ist vor allem klarer sprachlicher Ausdruck und der geht mit gutem klarem Denken einher. Egal, ob wir von Bioinformatik, Game Design oder Blockchain – Development sprechen: Die jeweils Besten in diesen Disziplinen drücken sich in der Regel auch hervorragend aus.

Der inflationäre Gebrauch der Emojis: Symptom unserer Zeit

Das Zeit-Problem unserer Zeit ist schon häufig benannt worden. Die vielen technischen Neuerungen und Herausforderungen überrennen einen jeden mit einer Geschwindigkeit, die unsere Gehirne überfordert und sie zu Anpassungsleistungen und -geschwindigkeiten zwingt, für die wir offensichtlich – bis auf Weiteres – nicht gemacht sind. Weil wir nicht Schritt halten können, weil wir ständig in rationalen und emotionalen Überforderungssituationen stecken, betreiben wir laufend, ob gewollt oder nicht, Multitasking. Und dieses Multitasking geht eben auch, wenn nicht vor allem, zulasten einer passablen Sprache.

Weil es leichter ist, hinter jeden zweiten Satz eine Emoji zu packen als seine Worte unzweideutig zu wählen, genau deswegen wird dies heute unablässig praktiziert. Ich sage etwas, das der oder die andere, ohne begleitende Erläuterung, vielleicht missverstehen könnte. Dann füge ich schnell eine das gerade Gesagte relativierende grinsende, lachende, zwinkernde Emoji bei. Dann ist er oder sie mir bestimmt nicht böse.

Die Tendenz der Ironisierung alles Gesagten ist ein Korollar dieser Entwicklung: Weil ich mich unklar ausdrücke, laufe ich Gefahr missverstanden zu werden. Weil ich Gefahr laufe missverstanden zu werden, versehe ich alles Gesagte sicherheitshalber mit einem Augenzwinkern. So muss ich mich nicht festlegen. Wie heißt es so schön: Hinter jedem Scherz steckt ein Fünkchen Ernst, hinter jeder „Falschheit“ ein Fünkchen Wahrheit. Wie ernst oder unernst ich etwas gemeint habe, das entscheide ich sicherheitshalber post festum, also situativ, nachdem ich gesprochen oder geschrieben habe und anschließend zur Rede gestellt wurde. Entweder sage ich dann: „War doch gar nicht so gemeint“ bzw., eine Nuance aggressiver: „Du verstehst wohl keinen Spaß“ oder ich bestätige umgekehrt: „Sag ich doch!“, „Genau so habe ich es gemeint“. Es fragt sich dann halt nur: Warum hast Du es nicht genauso gesagt? Konntest Du es nicht, wolltest Du es nicht oder war es Dir „egal“?

Ein Bild sagt nichts Bestimmtes

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Diese PR-Sentenz ist falsch. Ein Bild sagt jedem etwas anderes und es sagt vieles parallel, also gleichzeitig. Nie jedoch sagt ein Bild etwas Spezifisches, Eindeutiges.

Was ein Bild im Unterschied zu den meisten Worten situationsunabhängig in aller Regel gewiss tut, ist für mehr Aufmerksamkeit zu sorgen als ein Wort oder mehrere Worte. Nicht umsonst erklären uns die BILD-Redakteure ebenso wie die SEO-Optimierer wie wichtig und hilfreich es sei, seine Texte mit Bildern zu versehen, wenn man wahrgenommen werden möchte. Doch „Awareness“ ist das eine, verstanden zu werden, und zwar so, wie man es gemeint hat, ist etwas anderes.

Wer bekommt die Likes? Ich – oder die von mir abgesonderten Zeichen?

Wer stolz auf seine oder ihre vielen Likes, Followers oder Kommentare blicken kann, der oder die hat nur dies sicher erreicht: Von vielen gesehen worden zu sein. Aber bin es wirklich noch „ich“, der da wahrgenommen wird, wenn ich meine Meinung, meine Wünsche, meine Vorstellungen absichtlich oder unabsichtlich nebulös mitteile? Die Frage ist schlecht gestellt. Besser wäre es zu fragen: Wer oder was bekommt eigentlich diese „Likes” wenn ich mich absichtlich so ausgedrückt habe, dass jeder das darunter versteht, was ihm oder ihr in den Sinn kommt? Vielleicht ist es ja nur irgendeine Ansammlung von Bildern und Zeichen, die da wahrgenommen wird und die mit mir, dem Zeichensetzer, kaum etwas zu tun hat, da ich ja entweder nicht in der Lage oder nicht willens war, mich klar und eindeutig mitzuteilen?

Für das Geschäftsmodell von INSTAGRAM, YouTube und Pinterest spielt es keine Rolle, ob ihre User verstanden werden. Zwar ist für sie die erzeugte „Awareness“ nur die Pflicht und eine positive Resonanz in Gestalt von Likes, Followern und Kommentaren erst die Kür. Für die User ist das deshalb die Kür, weil durch diese Interaktionen mit einem Post zu vermuten steht, die User hätten sich mit ihm, dem Post und ihnen, den Usern, auseinandergesetzt. Tatsächlich wird diese Interaktion aber deshalb zur Kür stilisiert, weil so eine längere Verweildauer der User auf der entsprechenden Seite gewährleistet ist. Und die lässt sich monetarisieren. Den genannten sozialen Plattform-Betreibern ist es vollkommen einerlei, ob die Posts verstanden werden.

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