Ludwig Wittgenstein und die Klimadebatte Kann uns Wittgensteins Philosophie helfen klarer zu sehen?

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Anything goes, “Klimadiktatur” oder “ökologische Vernunft”? Wittgenstein hilft nicht weiter

Der späte Ludwig Wittgenstein der Philosophischen Untersuchungen (1946/1953) revidierte bekanntermaßen seine frühere philosophische Grundposition aus dem Tractatus Logico-Philosophicus  (1918/ 1921) um nahezu 180 Grad.

Der frühe und der späte Wittgenstein

Der späte Wittgenstein vertrat die Auffassung, alles, worüber sich Menschen sprachlich verständigen, verstünden diese, insoweit sie sich jeweils mit den anderen in einem gleichen, beiden Seiten vertrauten „Sprachspiel“ bewegten. Verbale Unschärfen, Mehrdeutigkeiten und Missverständnisse seien darauf zurückzuführen, dass sich die davon Betroffenen bisweilen (oder auch häufiger, wenn nicht gar, ganz, ganz strenggenommen: immer) in Sprachspielen bewegten, die sie nicht ganz bzw. nur teilweise beherrschten. Demgegenüber war der frühe Wittgenstein der Ansicht, Sprache sei immer nur dann sinnvoll, wenn sie sich auf Dinge bzw. Sachverhalte bezieht, die entweder der Fall sind oder eben nicht – hop oder top.

Der frühe Wittgenstein dachte sich eine Welt, die aus Individuen und einer von diesen gegenständlich vorgefundenen objektiven Welt der Dinge, „die der Fall sind“ besteht, auf die sich diese Individuen, ein jedes für sich, in „Sprechakten“ beziehen. Der späte dagegen erkannte, dass eine Welt, in der Individuen als Solipsisten ohne Mitmenschen gedacht werden, unmöglich ist und die Bedeutung der Worte daher nicht absolut richtigen oder falschen Zuschreibungen der Subjekte zu dieser Welt geschuldet ist, sondern der sich erst gesprächsweise, eben in Sprachspielen, evolutiv herauskristallisierenden Sprache.

Der späte mag in vielem Recht haben, doch…

Der philosophische Kanon der Wittgenstein-Exegese gibt dem späten Wittgenstein Recht in seiner Kritik am frühen. Allerdings hat dieser Umstand einen gehörigen Preis: Denn Recht kann der späte nur insofern haben, als es schwer, wenn nicht unmöglich ist, eine Position zu widerlegen, der zufolge sich Menschen nur sinnvoll und weitgehend unzweideutig verständigen können, insoweit sie mehr oder minder das Gleiche meinen, insoweit ihr Reden (oder Schreiben) sich also auf Dinge oder Sachverhalte bezieht, die sie jeweils gleich oder doch mindestens sehr ähnlich wahrnehmen.

„Anything goes“ ist der Preis dafür

Möchte man dagegen normativer an den zulässigen Sprachgebrauch herangehen, möchte man also z.B. apodiktisch sagen dürfen, x ist der Fall oder „richtig“ und y ist es nicht, dann bekommt man mit dem späten Wittgenstein schnell ein Problem. Denn es ist nahezu unmöglich, von „richtigem“ oder „falschen“ Sprechen, Schreiben oder Denken zu schreiben oder zu reden, solange diejenigen, denen man Denk-, Schreib- oder Redefehler attestieren möchte, jederzeit entgegnen können, man habe halt deren „Sprachspiel“ nicht verstanden oder verinnerlicht. Wenn es mit dem späten Wittgenstein also unzulässig ist, einen „richtigen“ oder „falschen“ Sprachgebrauch zu definieren, wenn „Regeln“ nicht definiert, sondern nur befolgt werden können, dann ist „anything goes“ die beinahe notwendige Konsequenz.

In unseren Zeiten, in denen „anything goes“ beispielsweise konträr zu der Vorstellung der meisten Menschen läuft, „die“ Wissenschaft belege dies oder das, solange man also in gesellschaftlichen oder naturwissenschaftlichen Kontexten nicht auf ein apodiktisches, unangreifbares „Richtig“ oder „Falsch“ verzichten möchte, solange wird man nicht umhin kommen, viele Sprachspiele als zwar faktisch gesprochene, aber eben entweder falsche, nicht existente Sachverhalte affirmierende oder gar unsinnige Sachverhalte „für voll“ nehmend zu diskreditieren. Und genau dadurch macht bzw. machen sich natürlich auch die Diskreditierenden selbst angreifbar. Denn die Kriterien dafür, was richtig oder falsch ist und was sinnvoll zum Ausdruck gebracht werden kann und was  nicht, sind mit dem späten Wittgenstein eben fließende, in steter Umformung der Sprechenden oder Schreibenden begriffene Kriterien, die man nie wird definitorisch fassen können, weil jede Definition in einer endlosen Sequenz anderer Definitionen steht, die man nichtsdestotrotz als befolgbare und befolgte „Regeln“ verstehen kann. Hat die Unterscheidung zwischen dem frühen und späten Wittgenstein irgendeine praktische Relevanz? Wenn der eine oder der andere oder gar beide obsolet wären, dann wohl eher nicht. Doch ganz offensichtlich sind beide nicht obsolet.

Das Sprachspiel der herrschenden Meinung als eines unter vielen

Wenn, nur mal so als Beispiel, die AfD heute behauptet, es sei nicht bewiesen, dass der Klimawandel menschengemacht ist und wenn sie in der Folge all denen, die dies anders sehen, eine mutwillige, hysterische Beschädigung des Standortes Deutschland vorwirft, dann hat man, wenn wir uns die gegenwärtige Diskussionslage anschauen, grundsätzlich zwei Optionen: Man kann finden, die AfD argumentiere konträr zu den überwältigenden Befunden der meisten Wissenschaftler, also zum common sense, zur herrschenden Meinung, der Wissenschaften. Wenn man so urteilt, dann wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Auffassung vertreten, es sei im Sinne der praktischen Vernunft richtig, wenn man die theoretischen Befunde der überwältigenden Zahl der Wissenschaftler, die sich mit den Ursachen und Folgen des Klimawandels beschäftigen, ernst nimmt und wenn man daher im Rahmen seiner Möglichkeiten hinreichend viel unternimmt, um erstens die Ursachen des Klimawandels aus dem Weg zu räumen und zweitens die Folgen desselben, insoweit diese nicht mehr aufzuhalten sind, für alle Menschen erträglicher zu machen.

Man kann aber auch finden, was die AfD da sagt, trifft zu, denn man dürfe die Wahrheit wissenschaftlicher Urteile nicht einem demokratischen Mehrheitsvotum unterwerfen. Entweder etwas ist der Fall oder es ist nicht der Fall. Wenn es keine theoretischen Befunde bezüglich der Ursachen und Folgen des Klimawandels gibt, die eines jeden Zweifels enthoben sind, dann sind alle bis jetzt getroffenen klimapolitischen Präventionsmaßnahmen möglicherweise voreilig?

Zwischen beiden Positionen lässt sich dann noch eine wohlfeile Mittelposition einnehmen, indem man sagt: „Ich weiß zwar nicht, ob die einen oder die anderen recht haben, aber ich weiß, dass es sinnvoll ist, vor dem Hintergrund des immerhin möglichen Risikos des sicheren Erreichens eines „Tipping Point“, eines Kipp-Punktes, von dem an menschliche Interventionen zur Verhinderung von Klimakatastrophen unmöglich geworden sind, alles zu tun, um dieses Risiko zu verhindern bzw. zu minimieren.  

Welche Position wäre die Wittgensteins?

Mit der ersten Position („Menschengemachter Klimawandel ist ein Faktum!“) hätte der frühe Wittgenstein Schwierigkeiten gehabt, weil die wissenschaftlichen Befunde ein von jedwedem Zweifel befreites Bild eben nicht zulassen. Wenn man also nicht absolut sicher wissen kann, was der Fall ist, dann sollte man daraus auch keine Konsequenzen für das praktische Handeln ziehen. Der späte Wittgenstein hätte sich auf beide Seiten schlagen können, denn je nachdem, in welchem wissenschaftlichen „Spiel“ er hätte spielen wollen, hätte er zu dem Ergebnis kommen können, der menschengemachte Klimawandel sei zweifelsfrei bewiesen oder eben zweifelsfrei nicht bewiesen.

Mit der zweiten Position („Menschengemachter Klimawandel ist Hysterie!“) verhält es sich genauso.
Der frühe hätte sie nicht widerlegen können. Der späte hätte sie geteilt, wenn er der Fraktion der „Klimaleugner“ beigetreten wäre oder nicht geteilt, wenn er das Sprachspiel der Mehrzahl der Klimawissenschaftler gespielt hätte.

Die dritte Position hätte für den frühen Wittgenstein gar keinen Sinn gemacht, denn er hatte es ja nicht für möglich gehalten, dass man auf der Grundlage von Sachverhalten, von denen man gar nicht weiß, ob sie „der Fall sind“, sinnvoll Urteile fällen kann. Und der späte? Der hätte sich dieser Position anschließen können, wenn er sich zur Fraktion jener bekannt hätte, die praktische Urteile auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeitsbetrachtungen für sinnvoll halten.


Unsere Welt der Echokammern zerfasert nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Welt

Fazit: Der späte Wittgenstein ist indifferent gegenüber der Frage, wie man sich im Auge der Klimadebatte positionieren soll. Der frühe hätte wahrscheinlich überhaupt kein Urteil gefällt, da es aus seiner damaligen Sicht keine hinreichenden Beweisgrundlagen für die eine oder die andere Seite gibt.

Den frühen Wittgenstein hatte der späte zu Recht verworfen, weil es tatsächlich unmöglich ist, als „naiver Realist“ Urteile über die Wirklichkeit zu fällen, ohne dabei theoretische, implizit oder explizit hypostasierte, gedachte Grundannahmen in diese Urteile einfließen zu lassen.

Und der späte Wittgenstein hilft uns nicht weiter, weil er zwar, möglicherweise zutreffend, beschreibt, wie Menschen Urteile fällen, nicht aber dazu beitragen kann uns zu erklären, welche Positionen wir teilen sollen und welche nicht.

Gerade weil sich der späte Wittgenstein scheute, menschlichen Urteilen eine absolute Geltung zuzubilligen, weil er Sprachentwickung, deskriptiv und historisch, als einen dahinmäandernden Prozess verstand, gerade deshalb legitimiert er andererseits, dass sich noch die abstruseste Vorstellung darauf berufen kann, ihre Kritiker verstünden entweder nicht das dort gesprochene Sprachspiel oder aber sie hätten keine hinreichend belastbaren Gründe, um die Regeln ihres liberalen Sprachspiels an die Stelle des abstrusen von ihnen Kritisierten zu setzen.

Eine Welt der Echokammern, in denen jede Community ihr eigenes Sprachspiel spielt und spielen darf, zerfasert nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Wahrnehmung der Welt und damit die Welt selbst.

Und so ist es wohl auch kein Zufall, dass diejenigen, die entweder die Vernunft oder das Recht hinter sich zu wissen (ver)meinen und diejenigen, die die Mehrheit hinter sich glauben, jedes Mittel einsetzen und für legitim halten, um sich durchzusetzen.

Als Mensch hätte Wittgenstein – by the way – ohne Frage mit den „Klimaaktivisten“ sympathisiert; ihm wären die AfD-Horden zuwider gewesen; aber das ist ein ganz anderes Thema.

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