Robert D. Putnams Agenda 20-10

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EIne Collage mit dem Bild Robert D. Putnams und einem "Agenda 2010" - Hintergrund der SPD, als Gerhard Schröder noch Bundeskanazler war.
Robert D. Putnam sprach wie Gerhard Schröder von einer Agenda 2010. Allerdings ging seine Agenda in die entgegengesetzte Richtung…

Um die „zivilgesellschaftlich enttäuschende“ Hinterlassenschaft der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts als Feld neu zu bestellen, macht Robert D. Putnam im 24. und letzten Kapitel seines Werks „Bowling Alone“ auf der Grundlage seiner vorangegangenen Analyse zum Verlauf der zivilgesellschaftlichen Integration und Desintegration des Amerika im 19. und 20. Jahrhundert parallel zu seinen technischen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen während dieser Epochen sechs Felder aus, die es nun, an der Schwelle zum neuen Jahrtausend, zu bearbeiten gälte. Die Hauptverantwortung für diese Arbeit sieht er einerseits bei den staatlichen Institutionen die „befähigen“ müssten und andererseits, auf gesellschaftlicher Ebene, bei den Protagonisten der neuen Epoche, den Generationen x und y.

Das 24. Kapitel trägt die Überschrift „Towards an Agenda for Social Capitalists“. Es ist, wenn wir das Wort eines deutschen Bundeskanzlers ironisch zitieren wollen, eine Agenda 20-10, denn, wie Gerhard Schröder auch, setzte Putnam sich das Jahr 2010 als Wegmarke – nur dass er, anders als Schröder, in erster Linie eine Stärkung des gesellschaftlichen Miteinanders, also mehr Solidarität in Amerika, im Blick hatte, während Schröder, genau umgekehrt, die Reduzierung der Abhängigkeit der Bundesbürger von staatlich und gesellschaftlich geleisteter Solidarität und die Stärkung der Individuen, ihre Unabhängigkeit von materiellen und immateriellen Solidarleistungen, als Ziel benannte.

Dies sind Putnams Handlungsfelder für die Jahre 2000 bis 2010:

  1. Bildung und Jugend
  2. Arbeit
  3. Raumordnung/ Städtebau
  4. Religion
  5. Kunst und Kultur
  6. Politik.

Was also sollte, Putnams Auffassung zufolge, auf diesen Feldern bis zum Jahr 2010 bewirkt werden?


1. Bildung und Jugend

 „Lasst uns sicherstellen, dass das Niveau zivilgesellschaftlichen Engagements bis zum Jahr 2010 das Niveau erreicht, dass die Großeltern der Generation, die dann mündig wird, erreicht hatte, als sie im gleichen Alter war“. Putnam spricht hier also von der nach dem zweiten Weltkrieg erwachsen gewordenen Generation, den Eltern der Baby Boomers oder „Traditionalisten“.

Ein Schlüsselkriterium für das Erreichen dieser Aufgabe sei die erreichte Wahlbeteiligung, die derjenigen der 60iger Jahre entsprechen solle. Darüber hinaus sei es aber notwendig, den Grad der unterschiedlichen soziale Segmente überbrückenden Netzwerke signifikant über das Maß hinaus auszubauen, dass diese Großelterngeneration gekannt habe. Dies müsse im Mannschaftssport genauso wie auf Gebieten der freiwilligen Sozialarbeit, der Musik, der politischen Artikulation usf. erreicht werden.

Voraussetzung hierfür sei, dass nicht nur die jugendlichen oder fast noch jugendlichen Akteure auf gesellschaftlicher Seite, sondern auch von staatlicher Seite Angebote gemacht würden und insbesondere das Niveau der politischen Bildung deutlich gesteigert werde. Putnam:

„Wir müssen sowohl die Seite des Angebots an Gelegenheiten für zivilgesellschaftliche Aktivität adressieren, als auch diejenige der Nachfrage nach einer solcher Aktivität“.


2.
Arbeit

Ich ermuntere Amerikas Arbeitgeber, Gewerkschaftsführer, führende Beamte und auch die Arbeitnehmer selbst Wege zu finden, dass der amerikanische Arbeitsplatz bis zum Jahr 2010 signifikant familienfreundlicher und gemeinschaftsorientierter sein wird, damit die amerikanischen Arbeitnehmer in die Lage versetzt werden, innerhalb wie auch außerhalb ihres Arbeitsplatzes ihr Reservoir an sozialem Kapital aufstocken können.“

Unter dieser sehr allgemein gehaltenen Forderung bündelt Putnam einen sehr bunten Strauß unterschiedlicher Maßnahmenvorschläge, von denen einige in der Verantwortung der Arbeitnehmer, andere in der der Arbeitgeber und wieder andere in derjenigen der öffentlichen Hand liegen sollen. Arbeitgeber sollen am Arbeitsplatz Räume für zivilgesellschaftliches Engagement öffnen, Arbeitnehmer sollen sich inner- wie außerhalb des Arbeitsplatzes zivilgesellschaftlich organisieren und die Politik soll sicherstellen, dass die zivilgesellschaftliche Kommunikation der Arbeitnehmer untereinander unter Datenschutz steht und weder von Seiten des Staates noch von Seiten der Arbeitgeber gegen die Arbeitnehmer instrumentiert wird. In architektonischer Hinsicht, schreibt Putnam, seien im Jahr 2000 schon leise Anfänge erkennbar, die dieses Engagement begünstigen. So seien z.B. Gruppen- und Teamarbeitsplätze und Gemeinschaftsräume bereits stärker in der architektonischen Fokus der Büroraum-Gestaltung geraten.

3. Raumordnung und Städtebau

„Mit dem ausgehenden 20. Jahrhunderts stellten wir Amerikaner langsam fest, dass das Muster zersiedelter Metropolgebiete, das wir in den fünf vorangegangenen Jahrzehnten geschaffen hatten, erhebliche personale und wirtschaftliche Kosten verursachte: Umweltverschmutzung, Stau und Zeitverlust. In Kapitel 12 hatten wir außerdem entdeckt, dass die zersiedelten Metropolgebiete die soziale Beschaffenheit unserer Gesellschaft beschädigte. Daher ermuntere ich die Stadt- und Landschaftsplaner, die Projektentwickler, die Lokalpolitiker und Grundstückskäufer sicherzustellen, dass wir bis zum Jahr 2010 immer weniger Zeit darauf verwenden müssen zu pendeln und mehr Zeit darauf verwenden können auf unsere Nachbarn zuzugehen, dass wir in besser integrierten und fußgängerfreundlicheren Gebieten leben können und dass das Design unserer Städte und die Verfügbarkeit öffentlicher Räume eine Zunahme des zwanglosen Miteinanders unter Freunden und Nachbarn ermöglichen wird.“

Putnams Aufforderung knüpft an den  seit den späten 1990er Jahren weltweit in Architektur und Stadtplanung zunehmend virulent werdenden Trend an, den Städtebau von den ökonomischen Interessen der Projektentwickler zu emanzipieren und gesellschaftlich ausgewogen, soziökonomisch fair und ökologisch zukunftsweisend zu reformieren. Putnam griff auf, was längst in Gang gekommen war, setzt sich allerdings auch kritisch mit einigen damals neuen Trends, etwa der anscheinend in Florida im Mode geratenen disneyesken Stadtgestaltung auseinander, die in Putnams Augen weniger dem Zweck einer stärkeren sozialen Interaktion der Menschen untereinander, als vielmehr dem historisierenden musealen Designstreben ihrer Planer diente.


4. Religion

Putnam „fordert Amerikas Klerus, seine Laienprediger, Theologen und normalen Gläubigen auf“, für

„ein neues, pluralistisches, sozial verantwortungsvolles großes Aufrütteln einzutreten, auf dass Amerikaner bis zum Jahr 2010 tiefer als bis dahin in einer oder in mehreren Glaubensgemeinschaften von Bedeutung aktiv sein werden und dabei aber zugleich toleranter gegenüber den Glaubensrichtungen und -praktiken anderer Amerikaner sein werden.“

Diese Position finde ich, im Gegensatz zu den drei vorgenannten, die nahezu jede Leserin und jeder Leser mehr oder weniger unbesehen als gesellschaftlich wünschenswerten teilen kann, deshalb bemerkenswert, weil Putnam hier den gesellschaftlichen Nutzen, das soziale Kapital, das Religions- oder Glaubensausübung stiftet, so hoch einschätzt, dass er diesen Wunsch, unbesehen der Frage, ob er mit den jeweiligen Religionen inhaltlich überhaupt kompatibel ist, als gesellschaftlich notwendige Forderung in den Raum stellt. Ohne es so deutlich zu formulieren, erklärt er damit den gesellschaftlichen Nutzen, den Religionsausübung stiftet, zu ihrem eigentlichen Zweck und fordert die Amerikaner deswegen auf, in irgendeiner Hinsicht – religiös oder auch areligiös – glaubensbeseelt zu werden und in entsprechenden Organisationen aktiv mitzuwirken, solange diese anderen Glaubensrichtungen nicht ihre Existenzberechtigung absprechen.

„Glaubensbasierte Gemeinschaften“, schreibt Putnam, „bleiben in Amerika ein so entscheidendes Reservoir für soziales Kapital, dass es schwer ist zu glauben, man könne seine Erosion in den zurückliegenden Jahrzehnten ohne einen maßgeblichen religiösen Beitrag rückgängig machen .“


5. Kunst und Kultur

An Putnams Agenda zum Thema Kunst und Kultur ist besonders augenfällig, dass das Internet und die mit ihm einhergehenden neuen Medien als Teilmenge unter dieses Rubrum gefasst werden – so als gäbe es das Internet und daneben eben auch andere „Sport- und Freizeitangebote“… Bemerkenswert ist dies vor allem deshalb, weil  Putnam sein vorangegangenes Kapitel „Lehren aus der Geschichte […]“ ganz der Gegenüberstellung des hereinbrechenden Internetzeitalters mit dem Zeitalter der Industrialisierung im 19. Jahrhundert gewidmet hatte. Bemerkenswert ist es darüber hinaus, weil er den Medien, vor allem dem Fernsehen,  auch an anderen Stellen seines Buches eine herausragende, wenn in der Vergangenheit auch nicht eine überwiegend gute gesellschaftsprägende Bedeutung beimisst.

Aus der heutigen Rückschau ist diese Marginalisierung sicherlich auch deswegen so überraschend, weil wir die phänomenale Wirkmächtigkeit des Internet jenseits von Kunst und Kultur in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft usf. längst als empirisches Datum anerkannt haben, egal wie wir dazu wertend stehen mögen. Doch unser besseres heutiges Wissen aus der Rückschau auf das Jahr 2010 gegenüber der damaligen Prognose Putnams allein kann diese Untertreibung Putnam nicht erklären, denn, wie erwähnt, er war sich ja der Bedeutung des Internet bereits im Jahr 2000 durchaus hellsichtig bewusst:

„Kein Bereich der amerikanischen Gesellschaft wird einen größeren Einfluss auf den künftigen Zustand unseres sozialen Kapitals haben als die elektronischen Massenmedien, insbesondere das Internet. Wenn wir die negativen Trends der letzten drei Jahrzehnte in irgendeiner grundlegenden Weise ändern umdrehen wollen, dann müssen die elektronische Unterhaltung und die Telekommunikationsindustrie dabei eine große Rolle spielen, anstatt Bestandteil des Problems zu sein.“

Am wahrscheinlichsten ist, dass ihm die Bedeutung des Internet nicht geheuer war, dass er, so offenkundig sein Einfluss auch bereits war, stillschweigend hoffte, sein Einfluss möge nicht noch weiter zunehmen. Die Marginalisierung des Internet als Unterabschnitt unter dem Dach der „Kunst und Kultur“ wäre damit ein unfreiwilliges Eingeständnis der „Vorurteilsbeladenheit“ seiner Agenda 20-10. Dazu passt, dass Putnam an anderer Stelle die „TV-Dominanz“ in amerikanischen Haushalten zum Thema macht, die er zu einer wesentlichen, aber nicht ausschließlichen Ursache für die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend sinkende amerikanische Bereitschaft ausmacht, sich gesellschaftlich, nachbarschaftlich, sozial oder politisch zu betätigen. So schreibt er dann zu der aus seiner Sicht wünschenswerten Rolle der elektronischen Medien:

„Ich fordere Amerikas Medienmogule, Journalisten, Internet-Gurus und uns Zuschauer auf: Lasst uns Wege finden sicherzustellen, dass wir Amerikaner bis zum Jahr 2910 einen geringeren Teil unserer Freizeit damit verbringen werden, passiv auf den Bildschirm zu starren und stattdessen mehr Zeit damit, aktiv mit unseren Mitmenschen in Verbindung zu treten. Lasst uns neue Formen der elektronischen Unterhaltung und Kommunikation fördern, Formen, die die Gemeinschaft stärken statt sie zu verhindern.“

Mit einer Portion Optimismus beobachtete Putnam dabei, dass Computer „stadtweite“ Debatten zu bestimmten lokal relevanten Themen ermöglicht hätten und insoweit Instrumente der demokratischen Meinungs- und Willensbildung und -äußerung sein können. Putnam hoffte z.B., dass

„elektronische Unterstützungs-Gruppen für Senioren eine nützliche Ergänzung (kein Ersatz) für regelmäßige persönliche Besuche sein werden und die Bewohner von Stadtvierteln mit besonders gutem Zugang zu Computer-basierter Kommunikation dieses neue Instrument dazu nutzen werden, den face-to-face Austausch mit den Nachbarn zu stärken, anstatt ihn zu ersetzen.“

Jenseits des Problems der in seinen Augen zu individueller Antriebslosigkeit führenden zunehmend ausgedehnten screen time der meisten Amerikaner erblickte Putnam darin auch das Risiko der fortschreitenden Isolation und Vereinsamung der Internet-Nutzer, glaubte allerdings, dieses Problem ließe sich technisch beheben.

Aufgabe des Staates dagegen sei es, die „digital divide“ durch Bildungsangebote zu überbrücken.

Jenseits einer besseren, bewussteren und den direkten persönlichen Austausch der Menschen untereinander fördernden Kommunikation durch das Internet erhoffte sich Putnam von den übrigen Kultur- und Freizeitaktivitäten der Amerikaner, vom Mannschaftssport, von gemeinsam praktizierter Musik und sonstiger aktiver Kulturgestaltung, von aktiv praktiziertem Hiphop über Rap Poesie bis hin zu Poetry Slams besonders, dass diese Aktivitäten Ethnien, Klassen und Rassen überbrücken könnten. Putnam: „Viele dieser Aktivitäten schaffen großartige Kunst, doch sie alle erzeugen vor allem ein großes, Brücken bauendes soziales Kapital, was in mancher Hinsicht eine noch größere Leistung ist.“

6. Politik

Putnams gesamtes Denken – nicht nur in Bowling Alone – kreist um das Ziel, die amerikanische Gesellschaft der Jahrtausendwende zu einem signifikant höheren zivilgesellschaftlichen Engagement zurückzubringen. „Soziales Kapital“ ist Putnams Wortprägung des Jahres 1993, nachdem der französische Philosoph Pierre Bourdieu die Wortschöpfung bereits 10 Jahre vor Putnam in den französischen Sprachraum eingeführt hatte. So nimmt nicht Wunder, dass er die Verantwortung der Politik und besonders der staatlichen Institutionen vor allem darin sieht, die Gesellschaft insgesamt zu befähigen, soziales Kapital zu akkumulieren:

„Das Problem [des schleichenden Verlusts sozialen Kapitals, also des nachbarschaftlichen und gesellschaftlichen Engagements auf allen Ebenen gegen Ende des 20. Jahrhunderts] beim Namen zu nennen, seine Ursachen zu diagnostizieren und seine Implikationen zu bewerten, wie ich es in diesem Buch [Bowling Alone] versucht habe, ist nur eine Vorübung für die viel härtere Herausforderung: In einer unwiderruflich veränderten Welt, einer Welt, in der die meisten Frauen berufstätig, die Märkte global und Individuen und Unternehmen mobil sind, eine Welt, in der die Unterhaltung elektronisch ist und Technologie sich laufend beschleunigt, eine Welt auch, in der es einen größerer Krieg (dankenswerterweise) seit Längerem nicht mehr gegeben hat, wie können wir in einer solchen Welt nichtsdestotrotz unsere Vorräte an sozialem Kapital aufstocken?

Putnams Apell an die Politik und die sie tragende Gesellschaft lautet daher, wenig überraschend:

„Lasst uns Wege finden, die sicherstellen, dass bis zum Jahr 2010 viel mehr Amerikaner am öffentlichen Leben unserer Gemeinschaften teilnehmen, dass sich viel mehr um ein öffentliches Mandat bemühen, öffentliche Veranstaltungen besuchen, in Komitees mitwirken, Wahlkämpfer werden und selbst zur Wahl gehen.“

Fazit

Interessanterweise lieferte Putnam für seine oben stehende Sechs-Punkte-Auswahl an Maßnahmen- bzw. Programmbündeln keinen Grund. Erstaunlich ist dies deshalb, weil man sich vor Augen führen muss, dass die 23 vorangegangenen Kapiteln minutiös und faktenreich zu der Diagnose führten, die Ende der 90iger Jahre grassierende an und für sich schon problematische „Entgesellschaftung“ Amerikas sei außerdem a) schädlich für die ideelle und mentale Zufriedenheit der meisten Menschen dort und b) schädlich auch für das materielle Wohlergehen des Landes.

Demgegenüber dieser außergewöhnlich gut begründeten Diagnose wirkt Putnams 6-Punkte-Therapie-Programm wie ein grober Keil auf einem filigranen Gewebe. In seiner thematischen Auffächerung erscheint das Programm zudem willkürlich und, wie gesagt, unbegründet. Warum entwirft ein Empirie versessener Politikwissenschaftler als Antwort auf eine faktenreiche Diagnose ein willkürlich anmutendes, also willkürlich gewählt und willkürlich gegliedertes Programm?

Darauf gibt es zwei Antworten: Hinsichtlich des Programms selbst lässt sich sagen, dass es insoweit nicht willkürlich ist, als unter jedem der vorstehend wiedergegebenen sechs Punkte inhaltlich eigentlich das Gleiche steht. Wenn die Diagnose lautet: Amerika desintegriert sich und diese Desintegration schadet Amerika, dann ist es nicht willkürlich, sondern prima facie plausibel, darauf zu antworten: „Staat und Gesellschaft: Tut alles, damit Amerikaner wieder zueinander finden!“

Kalkulierte Marginalisierung der Neuen Medien und des Internet

Willkürlich allerdings und insoweit tatsächlich problematisch ist die thematische Auffächerung: Während die Diagnose in den Kapiteln 1-23 zentrale Sachverhalte der gesellschaftlichen Entwicklung Amerikas, z.B. die jeweils spezifisch anders aussehenden wirtschaftlichen Dynamiken im Zeitalter der Industrialisierung Amerikas und später im Zeitalter der Massenmedien und noch später im Zeitalter des Internet als wesentliche Treiber der gesellschaftlichen Entwicklung markierte, wird das Internet im 24. Kapitel nur als Teilmenge, als Unterabschnitt des Abschnitts Kunst und Kultur abgehandelt und dies, obwohl Putnam sich bereits im Jahr 2000 der Bedeutung des Internet als Wirtschaftsfaktor, kulturprägender Faktor, politikprägender Faktor, freizeitprägender Faktor vollkommen bewusst war. Die programmatische Marginalisierung des Internet war also von Putnam gewollt: So wenig er im Jahr 2000 die sichtbar werdende Dominanz der neuen Medien bei den Generationen x und y leugnen konnte oder auch nur wollte, so sehr lag ihm daran, sie als Epiphänomene politisch zu deklassieren. Offenkundig fürchtete Putnam die Dominanz des Internet und wollte sie daher in der Schublade „Kunst und Kultur“ sicher neben Sport, Musik und „anderen Freizeitaktivitäten“ verstauen. Seine eigenen empirischen Befunde lassen diese Marginalisierung eigentlich nicht zu. Bezeichnend ist, dass Putnam sich im Jahr 2000 von Netzaktivisten, Codern, „Internet-Gurus“ bis zum Jahr 2010 erhoffte, sie würden das Netz als elektronische Ressource entdecken, um location based services anbieten, um sich also physisch und nicht etwa virtuell zu geselligem Beisammensein zusammenzufinden.  Natürlich ist es billig im Jahr 2020 über dieser Erwartung aus dem Jahr 2000 für das Jahr 2010 zu lächeln. Aber schon im Jahr 2000 war diese Erwartung eigentlich ganz offensichtlich outdated. Putnam war augenscheinlich als Wissenschaftler stets auf der Höhe der Zeit, nicht so aber als „Politiker“.

Schlichter Appell an das „Miteinander“

Neben dieser kalkulierten Marginalisierung des Internet als einer alle politischen und gesellschaftlichen Bereiche durchdringenden Macht im Stile einer Vogel-Strauß-Politik des absichtlichen Wegschauens ist der bereits angeschnittene Punkt des sehr schlichten Aufrufs, doch bitte als Gesellschaft zusammenzukommen ein weiterer kritikwürdiger Punkt. Welchen Sinn hat die minutiöse sozialhistorische Analyse gemacht, wenn die Antwort, die Therapie des 6-Punkteplans, in einem derart schlichten Programm des wishful thinking mündet? Wozu also hat Putnam diesen vorbildlichen Aufwand betrieben? Das 24. Kapitel benötigt die Kapitel 1-23 nicht als Begründungsressource.

Primat der Politik?

Schließlich muss auch der von Putnam in Anspruch genommene Primat der Politik und der Priimat der sich mit ihr befassenden Wissenschaft gegenüber Kunst, Kultur, Religion usf. mit einem großen Fragezeichen versehen werden.

Es ist eben nicht so, dass eine Künstlerin Kunst schafft oder betreibt, weil sie damit in erster Linie einen Dienst an der Gesellschaft erbringen möchte, dass ein Theologe sich aus dem Bedürfnis heraus, sich dem Wohl der Gesellschaft als glaubensfreiem Substrat zu widmen, diesem Gemeinwohl widmet oder ein Sportler oder eine Sportlerin vor allem danach trachten, gesellschaftlichen Mehrwert zu stiften. Der gesellschaftliche Mehr-Wert ist ein Add-on und nicht das Schlüssel-Incentive. Nicht dieser Mehr-Wert veranlasst Menschen, das gerne zu tun, was sie tun, sondern der intrinsische Wert, den diese Dinge bzw. Tätigkeiten für sie haben, ihr Wert ist es.

9-11, Irak, Tea Party, Facebook, Google, Amazon, Apple, Lehmann, Tesla…

Und dieser Befund ist vielleicht das entscheidende Manko einer jeden noch so guten sozialwissenschaftlichen oder auch historischen Erzählung. Man versteht rückblickend zwar einiges, kann Sachverhalte sortieren und einordnen, kausale Zusammenhänge plausibel finden und ist dennoch bei der Beurteilung dessen, was jetzt zu tun ist, keinen Deut klüger.

Aus dem Verständnis für ein IST, lässt sich kein SOLL ableiten, zum einen deshalb, weil dieses Verständnis eh nur ein subjektives ist und zum anderen deshalb, weil dies ein normativer Fehlschluss wäre. Nur wenn man sich eingestünde, auch die Vergangenheit willentlich durch die Brille der eigenen Vorurteile zu betrachten, wäre man legitimiert, aus dieser dezidiert subjektiven Sicht auf die Vergangenheit Rückschlüsse auf ein Handeln zu ziehen, das eine bessere Zukunft (für einen selbst oder das eigene Dafürhalten) versprechen kann.

Überdeutlich aber ist, dass Putnam seinen Blick auf das 19. und 20. Jahrhunderts für einen dezidiert objektiven hält. Zu umfangreich ist das Zahlenmaterial. Zu offenkundig ist sein Bemühen, Kausalität nachzuweisen, wo bisweilen nur statistische Zusammenhänge nachweisbar sind.

Und so nimmt nicht Wunder, dass seine Agenda 20-10 in die Irre geht. Die erste Dekade des 21. Jahrhunderts führte nicht zu einer Renaissance des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Amerika, sondern zu dem genauen Gegenteil. Die treibenden Kräfte dieses Amerikas gingen nicht von vorhersehbar sich aufeinander zubewegenden tektonischen Platten wünschenswerter und vernünfiger gesellschaftlicher Verhältnisse aus, sondern von singulären unvorhersehbaren Ereignissen, herausragenden guten und weniger guten Taten, politischen Unwägbarkeiten und epochalen Unternehmensgründungen – alles Dinge, die so nicht vorhersehbar waren, sondern nur rückblickend zu einer mehr oder weniger guten Story verquickt werden können. Das einzelne und die einzelnen, das Unerwartete, nicht Planbare machten Geschichte, nicht plan- und mit viel good will beschleunigend beeinflussbare, wünschenswerte soziale Notwendigkeiten taten es!

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