Tag-Gedanken zur ‚Lage der Nation‘ – Warum Deutschland das Mehrheitswahlrecht braucht

jvhNew articles

German-Infrastructure
… in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht…

Heinrich Heines Pariser Nachtgedanken an seine Mutter im Deutschland des Jahres 1844 werden immer wieder von jenen zitiert, die sich kritisch mit ihrem Land auseinandersetzen:

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann bin ich um den Schlaf gebracht…

Zu Recht wird dann, ebenfalls regelmäßig, von besseren Heine-Kennern darauf verwiesen, dass sich Heine ausdrücklich gerade nicht Sorgen um sein Land, sondern ‚nur‘ um seine Mutter gemacht hatte.  In der sechsten Strophe heißt es nämlich:

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land;
Mit seinen Eichen, seinen Linden
Werd‘ ich es immer wiederfinden.

175 Jahre später müsste Heine sein Gedicht aber tatsächlich neu verfassen. Denn wenn die Deutschen auch dem sauren Regen trotzen und Eichen und Linden erhalten konnten, so stellt sich an der Schwelle zum dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts schon die Frage, wie lange dieses Land noch so gesund bleiben wird, wie es, vielleicht, inzwischen nur noch zu sein scheint.

Vier ‚glückliche‘ Umstände haben das heutige Deutschland stark gemacht

Die Stärke ihres Landes verdanken die heutigen Deutschen im Wesentlichen dem Zusammentreffen vierer nicht nur glücklicher Umstände:

  1. Dem totalen Verlust des 2. Weltkrieges im Jahr 1945,
  2. der Wiederaufbauhilfe Westdeutschlands nach diesem Krieg durch die Amerikaner,
  3. der traditionell dezentralen Struktur Deutschlands,
  4. dem dank Wilhelm v. Humboldt (einem Zeitgenossen Heines und Studienabbrecher) durch Weitsicht und praktisches Handeln geschaffenen weltweit beispielhaften deutschen Bildungssystem.

Verlust des Zweiten Weltkrieges

Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass die nahezu vollständige Zerstörung der physischen Infrastruktur Deutschlands als Ergebnis der zwölfjährigen Nazi-Diktatur dazu führte, dass es in Deutschland sowohl die Notwendigkeit als auch die Bereitschaft gab, das Land schnell und vollständig wiederaufzubauen. Es wurden als Folge des Krieges Energien mobilisiert, die anderswo in Europa ausblieben, weil die Zerstörung als Folge des Krieges dort nicht näherungsweise so immens war wie in Deutschland. Und mutatis mutandis musste in Deutschland nicht, wie beispielsweise in England oder Frankreich, eine technisch überholte Infrastruktur am Leben erhalten oder renoviert werden. Es gab ja gar keine.

Das Wirtschaftswunder wirkte dabei nachhaltig, also lange nach, weil mit der jahrelangen annähernden Vollbeschäftigung und dem Aufbauoptimismus der Menschen nicht in erster Linie Konsum und kurzlebige Güter produziert und gefördert wurden, sondern Infrastrukturen, von denen das Land bis heute zehren konnte.

Marshall-Plan

Mit der im Juni 1947 beschlossenen Aufbauhilfe European Recovery Program (ERP) der Amerikaner für Deutschland ist es eine komische Sache: Das deutsche Wirtschaftswunder wäre ohne sie nicht möglich gewesen. Aber ja, die Amerikaner leisteten sie nicht in erster Linie aus Altruismus und Menschenliebe gegenüber den früheren Kriegsgegnern, sondern aus wirtschaftlicher und geostrategischer Vernunft. Der Marshall-Plan war moralisch „agnostisch“. Er war schlicht sinnvoll und zwar für den Westen insgesamt. Die (West)deutschen mussten und müssen also nicht so sehr dankbar als vielmehr nur glücklich darüber sein, dass ihnen, anders der vorangegangenen Generation der Weimarer Republik, nicht nur Reparationszahlungen weitestgehend erspart blieben, sondern dass sie außerdem massiv aus den USA gefördert wurden.  

Dezentrales Deutschland

Auch dass der deutsche „Flickenteppich“ aus der Zeit des Römischen Reiches Deutscher Nation und später des Deutschen Bundes, nach dem zwölf Jahre währenden 1000-jährigen Reich im Westen Deutschland reinkarniert wurde, ist nicht zuletzt dem politischen Interesse der siegreichen Westalliierten geschuldet, die sich vor einer Wiedergeburt eines starken deutschen Zentralstaates fürchteten und ihn am 23. Mai 1949 mit der erfolgreich gegründeten Bundesrepublik zu verhindern suchten. Dass sie Deutschland damit so stark machten, wie es in der Folge wurde, hatten sie sicherlich nicht erwartet.

Die junge Bundesrepublik Deutschland musste außerdem nach ihrer Gründung nicht, wie beispielsweise ehemalige europäische Kolonien in Afrika, im Nahen Osten oder in Asien, willkürlich mit dem Lineal gesetzte geometrischen Landesgrenzen hinnehmen, sondern konnte an bereits früher exisstierende Landesgrenzen und außerdem an Traditionen, Dialekte und landsmannschaftliche Bräuche anknüpfen, die mit Artikel 29 GG jetzt Verfassungsrang bekamen. Und da die Landesregierungen in der Provinz natürlich stets nach Bestätigung trachteten, taten sie viel dafür, dass sich ihre Länder auch gut entwickelten. Für das deutsche Nachkriegsbrachland war die Bundesstaatlichkeit insoweit ein Geschenk, als sie dazu führte, dass die Fläche, die bereits kulturell bestellt war, nun auch materiell und infrastrukturell viel besser versorgt wurde als dies in zentral verwalteten Ländern anderswo in Europa und darüber hinaus regelmäßig der Fall ist.

Die Kombination aus

  • einer vollständigen infrastrukturellen tabula rasa nach dem zweiten Krieg,
  • dem großen Zustrom investiver Bar- und „Förder“mittel vorwiegend aus Amerika und der nach Zukunft dürstenden Bevölkerung, die sich deswegen wirklich anstrengte, das Land wiederaufzubauen
  • einem auf kooperativen Wettbewerb und überschaubarem interregionalen Ausgleich bedachten föderalen Rahmen

schuf nachgerade idealtypische Voraussetzungen für den Aufbau eines Landes, dessen wirtschaftliche Potenz sehr rasch das gesamte restliche Europa in den Schatten stellen würde, ohne es erneut bedrohen zu müssen.

Bildung für alle

Ein vierter entscheidender Faktor war jedoch ebenso essentiell für den bundesdeutschen Erfolg: Das Humboldtsche Bildungswesen, das nicht nur den Bildungseliten sondern vor allem der breiten Bevölkerung genau das gab, was diese suchte und benötigte: Zugang zu der Chance, mindestens wirtschaftlich (wenn auch noch nicht sozial) so erfolgreich sein zu können wie die überkommenen Eliten. Mit Erhards „Wohlstand für alle” – „alle” sozial und regional interpretiert – begann eine Reise, die mit dem sozialdemokratischen Desiderat der „Bildung für alle” in den 70iger Jahren ihre konsequente Fortsetzung fand.

Und da fügte es sich perfekt in das Wunschbild, dass die bekanntesten und besten Universitäten des Landes tatsächlich – traditionell – über das ganze Land verteilt waren – sie lagen nicht nur in Berlin und Bonn, sondern auch in Göttingen, Freiburg, Gießen, Heidelberg, Köln, Mannheim, Marburg, München, Münster, Saarbrücken, Stuttgart, Tübingen… . Und es kamen laufend neue hinzu, die auch zur Wirkstätte weltweit sehr geachteter Intellektueller wurden: Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann, neben Habermas bis heute einer der Stars der internationalen Soziologenzunft, ging 1968 als erster Ordinarius an die neu gegründete Uni Bielefeld (sic!) und blieb dieser bis zu seiner Emeritierung 1993 treu.

Klar: England hatte Oxford und Cambridge, Frankreich die Hautes Ecoles. Deutschland hatte und hat die nicht. Auch die seit Langem in internationalen Vergleichen regelmäßig am besten abschneidende deutsche Hochschule, die TU München, kann sich bis heute nicht mit den vorgenannten auf Augenhöhe messen.

Doch dafür hatte und hat Deutschland etwas volkswirtschaftlich wesentlich Tragfähigeres: Das duale Ausbildungskonzept für das Handwerk, welches nicht zuletzt auch deshalb bald auf „goldenem Boden“ stand. Die Einnahmen des Handwerks und die Einkommen der Handwerker konnten sich jetzt nicht nur mit denen der akademischen Eliten messen, sie überragten diese bisweilen um ein Vielfaches.

Soziale Mobilität war und ist nach wie vor in Deutschland signifikant viel leichter als im Vereinigten Königreich oder in Frankreich, wo sich soziale Klassen bis heute bewahrt haben.

„Leistung lohnte sich“ in Deutschland also tatsächlich. Wer hart arbeitete, konnte es sowohl als Arbeiter als auch als Unternehmer, als Bildungsbürger und als Krankenschwester zu einer überaus angemessenen „Teilhabe“ am Bruttosozialprodukt bringen. Davon konnten und können Briten und Franzosen ohne Erbvermögen oder Zugang zu den Elite(hoch)schulen lange und vielfach bis heute nur träumen.

Die Zeiten haben sich geändert

Infrastrukturen

Doch wie sieht es heute aus – in Deutschland? Die baulichen, verkehrlichen, sozialen und Bildungsinfrastrukturen Deutschlands sind 70 Jahren nach Gründung der Bundesrepublik marode: Straßen, Schienen, Telekommunikationsnetze, Schulen, Hochschulen, Kitas: Überall ist Deutschland im besten Fall schlechter Durchschnitt.

Man blicke nur für eine Sekunde auf die Zeit 70 Jahre vor Gründung der Bundesrepublik zurück: Da schrieb man das Jahr 1879 – Gründerzeit… Bismarck… Wilhelm I… Was wurde, trotz der unglaublich zerstörerischen Gewalt beider Weltkriege, in der Zeit zwischen 1871 (Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles) und 1949 weltweit aber auch in Deutschland nicht alles erfunden und geschaffen und gesellschaftlich an baulichen und technologischen Infrastrukturen in Anspruch genommen, was bis heute Bestand hat?

70 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik wird Deutschlands bauliche Infrastruktur und bauliches Können mit dem Flughafen Berlin Brandenburg assoziiert und beim globalen Speedtest darf sich Deutschland auf Platz 31 mit dem Benchmark Moldawien messen. Rumänien, Ungarn, Bulgarien liegen deutlich davor. Die Spitzenplätze belegen Singapur und Südkorea. In Europa liegen Holland, Norwegen, Finnland und das noch sehr junge Estland weit vorne.

Leistungsbereitschaft

Die Bereitschaft Herausragendes zu leisten, um sich selbst, seine Familie, sein Land nach vorne zu bringen, die Bereitschaft dafür auch Risiken einzugehen und Opfer zu bringen, ist überwiegend einer mehr oder minder saturierten Einstellung des „Wozu noch anstrengen?“ gewichen. Die deutsche Sozialdemokratie hat ganze Arbeit geleistet. Worklife balance, Freizeit, Frührente mit 63 heißt generationenübergreifend das „Streben“ der meisten Menschen. Die nach Generationengerechtigkeit strebende Generation z wird nicht fündig, da sie die Verantwortung nicht bei sich selbst, sondern bei den Eltern und Großeltern sieht, deren Versäumnisse sie wohlfeil anklagen kann, alldieweil sie, frei nach Dieter Nuhr, im gut beheizten Kinderzimmer Transparente verfasst.

Dezentraler Staatsaufbau

Der dezentrale, politische Aufbau und die mit ihm einhergehenden zentripetalen Prozesse dagegen sind Deutschland erhalten geblieben. Die Beharrungskräfte an den Schalthebeln der Macht in den Landeshauptstädten denken gar nicht daran, hieran etwas ändern zu wollen. Problematisch daran ist zweierlei:

Zum einen stehen die Bundesländer nicht mehr in erster Linie im Wettbewerb untereinander, sondern im Wettbewerb mit anderen europäischen und nicht-europäischen Regionen, die überwiegend zentral verwaltet und finanziert werden. Da haben dann Bundesländer, die auf ihre Autonomie und Unabhängigkeit vom Bund pochen, halt das Nachsehen. Das nehmen sie – parteiübergreifend – sehenden Auges hin. Hauptsache ist der Machterhalt vor Ort. Mag das Land insgesamt dadurch auch ohnmächtig werden. Wen kümmert’s?

Zum anderen benötigen die derzeit im Aufbau befindlichen globalen technischen Infrastrukturen enorm viel Kapital. Dezentrale, kleinteilige Infrastrukturen, auch Finanzinfrastrukturen, bremsen da. Die Lieferketten der Weltwirtschaft sind global vernetzt. Nationale Mikroinfrastrukturen helfen da nicht, sondern schaden. In unserer globalen megatransparenten Ökonomie wird es in absehbarer Zeit keine Hidden Champions mehr geben, sondern nur noch finanzstarke Champions und finanzschwache Loser. Tech-Startups träumen nicht mehr die Träume eines Bill Gates, Steve Jobs, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos, sondern den Traum derjenigen, die darauf hoffen, von den vorgenannen erkannt und gekauft zu werden. Daimler kämpft nicht gegen BMW, Porsche oder Audi. Daimler muss sich mit BMW verbünden, um gegen Volkswagen-Seat-Audi-Porsche-Bentley-…, Fiat-Chrysler-Peugeot-Citroën und Renault-Nissan-Mitsubishi bestehen zu können.

Bildungswesen

Bleibt das deutsche Bildungswesen: Auch hier gilt leider, was eben zum Thema Dezentralität gesagt wurde. Besonders in der Grundlagenforschung verschlingen wichtige Forschungsprojekte mit jeweils offenem Ausgang solche Unsummen, dass sie nur noch in Gestalt grenzüberschreitender Public Private Partnerships möglich sind, finanziert zum einen Teil aus Steuermitteln unterschiedlicher, multinationaler oder nationaler staatlicher Einrichtungen und zum anderen aus den Mitteln der wenigen großen, finanzstarken Konzerne. Beide Seiten, die staatlichen und die privaten, sichern sich dabei jeweils ein Rechteportfolio und garantieren es sich wechselseitig, sodass kreativen Newcomern, kleinen Hochschulen oder jungen Start-ups keine Möglichkeit verbleibt, klein und unabhängig zu bleiben. Nur die potentesten, bekanntesten, anerkanntesten werden die Möglichkeit haben, in solchen Verbünden eine Lead-Funktion wahrzunehmen. Die Ivy League, Oxford und Cambridge und eine Handvoll neuer großer Hochschulen auf dem indischen Subkontinent, in China und Südostasien werden sich gemeinsam mit den GAFAs und den anderen Großen den Kuchen aufteilen, denn sie alle können über ihre Mittel ohne Rücksicht auf politische „Lästlinge” mehr oder weniger frei verfügen.

Jenseits der tendenziell an Deutschland vorbeidriftenden wichtigen Forschungsvorhaben bliebe Deutschland zumindest noch das Aktivum seiner soliden berufsvorbereitenden Breitenbildung im Handwerk. Doch leider, leider wird aus dem Handwerk, auf das Deutschland zurecht stolz war, zunehmend Kopfwerk. Das Hand-Werk (im Wortsinne) wird maschinell ersetzt. Und für das Kopfwerk gilt eben das gerade Gesagte.

Was tun?

Aus dem Voranstehenden folgt, dass Deutschland als eine der weltweit führenden Wirtschaftsnationen, wenn es so weitermacht wie bisher, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit scheitern wird. Zu den oben genannten Belastungen:

  1. Marode Infrastruktur,
  2. fehlende Leistungsbereitschaft breiter Bevölkerungsschichten,
  3. dezentralisierte Kraftlosigkeit der Politik im internationalen Vergleich
  4. dramatisch unterfinanzierte Spitzen- und teilweise obsolete Breitenbildung,

kommen ja noch weitere Besorgnis erregende Faktoren hinzu: An erster Stelle genannt werden muss hier die Überalterung der Gesellschaft. Dieses Schicksal teilt Deutschland mit dem in vielerlei Hinsicht ähnlichen Japan und macht es so dramatisch verschieden von Nordamerika, Südamerika, Afrika, weiten Teilen Asiens und Australien. Nach Italien – wer hätte das gedacht? – weist Deutschland in EU-Europa das höchste Medianalter aus.

Die Probleme sind der Politik bekannt

Ehrlicherweise muss man anerkennen, dass die genannten Defizite und Herausforderungen von der Politik längst erkannt wurden. Die Versteigerung der 5G-Lizenzen wurde an die Auflage für die Bieter geknüpft, die Bestandsnetze lückenfrei zu gestalten. Die Autobahnbrücken werden repariert und die Mittel hierfür sind da – es sind ja Bundesmittel. Und die Bundesregierung schuf das Förder-System der „Exzellenzuniversitäten“. Doch all dies ist eben wirklich viel zu wenig im internationalen Vergleich. Mehr ist nicht möglich, weil unser Land aufgrund seiner föderalen Verfasstheit und des hier dominanten Verhältniswahlrechts doppelt geschwächt ist und für jede noch so unerhebliche Entscheidung einen faulen Kompromiss benötigt. Vor allem aber lassen sich in dieser politischen Landschaft nicht Investitionsentscheidungen durchsetzen, von denen nicht in erster Linie die gewählten Politiker, sondern vielleicht erst die der folgenden Generation politisch profitieren können.

Kompromisse sind nicht das Wesen der Demokratie

Kompromisse sind das Wesen der Demokratie sagen viele. Doch das ist einer der vielen beliebten, jedoch vollkommen falschen deutschen Gemeinplätze.

Das Wesen der Demokratie ist

  1. ein Konsens der jeweils regierten Gesellschaft hinsichtlich der Art und Weise, wie sie regiert werden möchte und ein unbedingter Schutz fundamentaler Menschenrechte vor übergriffiger gesellschaftlicher und politischer Gewalt,
  2. Gewaltenteilung, wie man sie jetzt gerade in den USA und im Vereinigten Königreich erleben durfte aber auch immer wieder in Deutschland wunderbar wirkmächtig vorfindet,
  3. die Abhängigkeit der exekutiven Gewalt von und die Kontrolle derselben durch regelmäßig abgehaltene Wahlen und eine konstitutionell geschützte parlamentarische Opposition.

Kompromisse innerhalb der drei Gewalten dagegen sind keineswegs zwingend erforderlich. Und das ist auch gut so. Denn immer, wenn Kompromisse zu Ohnmacht führen, haben wir es mit faulen Kompromissen zu tun. Lange haben wir jetzt in Deutschland über London und Washington lachen dürfen. Doch vielleicht lacht der letzte am besten?

Deutschlands Aufbau- und Ablauforganisation ist nicht mehr wettbewerbsfähig

Um die Trägheit Deutschlands im internationalen Vergleich abzustellen, muss man nicht unbedingt das Kind mit dem Bade ausschütten. In der Fläche ist Deutschland zwar nicht gut, aber immer noch deutlich besser aufgestellt als die erwähnten USA, England oder Frankreich. Johnson gewann die Unterhauswahlen nicht nur, weil er versprach, den Brexit endlich umzusetzen, sondern auch, weil er versprach, den unterfinanzierten Norden Englands schwerpunktmäßig mit einer besseren Infrastruktur zu versorgen. Die relative Stärke der deutschen Provinz ist auch der Nähe und Verantwortlichkeit der Landesregierungen gegenüber ihrem regionalen Wahlvolk geschuldet.

Nur: Subsidiarität bedeutet eben gerade nicht, dass die Länder auch den Bund blockieren sollen oder dürfen. In einer globalen Weltwirtschaft sind Bildung und Infrastruktur nationale Aufgaben.

Deutschland muss jetzt handeln und seine Verfasstheit reformieren, sonst ist es zu spät. Das Argument, vom Wettbewerb der Bundesländer profitiere ganz Deutschland ist falsch. Der Mittelbedarf zur Bewältigung der Infrastrukturaufgaben ist viel zu groß, als dass er von den jeweiligen Ländern allein getragen werden könnte. Deutschland muss ja nicht nur seine physischen Infrastrukturen neu möblieren, sondern auch seine geistigen. Und das kann es eben nicht, wenn das ganze Land sich weiter von Kompromiss zu Kompromiss durchhangelt, alldieweil anderswo epochale Entscheidungen getroffen werden wie beispielsweise – leider – soeben der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU oder der Bau der Seidenstraße in Europa oder die staatlichen Sanktionen des „freien” Amerikas gegen Unternehmen, die mit Staaten oder anderen Unternehmen Geschäfte machen, die dem Präsidenten der USA oder seinem Kongress gerade nicht genehm sind.

Das Grundgesetz hat bis jetzt sehr gute Arbeit geleistet. Und es muss keineswegs auf den Kopf gestellt werden. Das Bundeswahlgesetz z.B. ist kein Artikel des Grundgesetzes. Dass Wahlen allgemein, unmittelbar, frei und geheim sind bedeutet nicht, dass es das deutsche Kuriosum eines Mehrheitswahlrechts in den Wahlkreisen mit kompensatorischem Ausgleich über das Verhältniswahlrecht geben muss. Und das Grundgesetz lässt auch eine regionale Neuordnung der Länder zu. Es ist also nicht das Grundgesetz, das die Neuordnung Deutschlands behindert, sondern die Trägheit bzw. der taktische Unwille der gewählten Politiker, die daran kein persönliches Interesse haben können.

Wer nach dem zunächst euphorischen „Greta-Lob“ für die FFF-Aktivisten und ihre Apologeten diese inzwischen beschimpft, weil sie den Klimaschutz absolut setzen und demokratische Willensbildung und Mehrheitsinteressen marginalisieren, der oder die sollte innehalten und darüber nachdenken, wie Generationengerechtigkeit heute anderweitig geschaffen oder erhalten werden kann.

Vom Aufbau Deutschlands nach dem Krieg hatten alle etwas, auch die noch gar nicht geborenen Generationen. Heute müssten erneut Infrastrukturen geschaffen werden, von denen alle etwas hätten. Doch heute zieht man es vor, die vorhandenen Mittel zu konsumieren, denn davon erwarten sich die Koalitionen Wahlstimmen. Und so gießt jede in einer Regierung befindliche Partei mit ihrem Gießkännchen ein paar Tröpfchen Wasser auf den Boden ihrer jeweiligen Wählerklientel. Die Interessen der Generationen y und z werden sowohl in der Rentenpolitik als auch beim Umweltschutz marginalisiert, weil die Parteien anschlussfähig für Koalitionen bleiben müssen. Anstatt zu investieren, wird konsumiert. Noch einmal: Vom Aufbau der bundesdeutschen Infrastruktur hatten in den Jahren 1949 ff sowohl die aufbauende als auch die zwei nachfolgenden Generationen sehr viel. Heute haben sie davon nichts mehr. Sie haben jetzt in etwa die maroden Infrastrukturen, mit denen England und Frankreich nach dem gewonnenen Krieg zu kämpfen hatten. Daher ist jetzt im Interesse aller Generationen, das in Deutschland dominante Verhältniswahlrecht und die hyperkleinteilige deutsche Bundesstaatlichkeit abzuschaffen.

Wie lange wollen wir noch warten?

Ohne solche prozeduralen Änderungen an Deutschlands staatlicher Verfasstheit wird sich kaum eine wirklich sinnvolle und langfristig wirksame Entscheidung von Tragweite durchsetzen lassen, denn jede derartige Entscheidung wird nicht nur Nutznießer, sondern vorübergehend auch Benachteiligte schaffen. Es wird um die Mittelgewinnung, um die Mittelverwendung und um die Infrastrukturbereitstellung auch zu Lasten Dritter gehen müssen. Mit einer staatlichen Aufbauorganisation, die über den Bundesrat regionalpolitisch und über das Verhältniswahlrecht parteipolitisch auf maximalen Konsens ausgelegt ist, wird das nicht gelingen können.

Wollen wir damit solange warten, bis Peking nicht nur Piräus, sondern auch den Binnenhafen in Duisburg mehrheitlich erworben hat oder bis das letzte deutsche Einhorn in Shenzhen, Bangalore oder im Silicone Valley seine endgültige Bleibe gefunden hat oder Oxford und Cambridge, Stanford, Harvard & Co. den Max-Planck- und Fraunhofer-Gesellschaften den letzten Kopf weggeschnappt haben?  

Dann werden wir einer Zeit entgegensehen müssen, in der der Rhein, die Donau und die Elbe den neuen Metropolen der Welt als Schifffahrtswege dienen, damit die letzten hier verbleibenden Rohstoffe, das Holz und, wer weiß, dann vielleicht auch wieder die Steinkohle, stromabwärts in die niederländischen Nordseehäfen und in die Häfen des Schwarzen Meers gebracht werden können.

Previous articleNext article