Was bleiben wird (Teil 2/4): Gründerzeit damals + heute: Das Mindset am Ausgang des 19. Jahrhunderts

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Adel adé, Bürger juchee…

Mein letzter „Volkshochschul“ – Post 😉 über die Gründerzeit des 19. Jahrhunderts verriet dem einen oder anderen vielleicht ein wenig über den Mindset der damaligen Gründerzeit. Ich gebe allerdings zu: Sehr viel kann es nicht gewesen sein, denn mir lag zunächst daran, auf reduziertem Raum ein paar Basics denjenigen zu vermitteln, die sich weniger mit Geschichte und mehr mit Engineering befassen, wie es ja idealerweise bei meinen Lesern der Fall sein sollte.

Heute möchte ich, anschließend an das im ersten Post dieser neuen Reihe bereits Gesagte, das Augenmerk mehr auf den Mindset der Epoche lenken. Zusammengefasst lassen sich folgende drei die damalige Gründerzeit besonders charakterisierende Aspekte hervorheben:


1. Erstmals wird soziale Mobilität in deutschen Landen Realität

Das Movens, also der treibende Impuls des Gros der damaligen industriellen Gründer und ihrer Finanzierer (die vielfach selbst Gründer waren oder einer überwiegend jungen Gründerdynastie entsprangen) war die Erkenntnis, es als Bürger, als Individuum (und nicht mehr als Vertreter einer Klasse, gesellschaftlichen Schicht oder als Schachfigur), mit Kreativität, Fleiß und (sozialem) Geschick bis „nach ganz oben“ schaffen zu können.

2. Abstiegsangst wird unter Adligen und Wohlhabenden zu einer treibenden Antriebsfeder

Die Kehrseite dieser aus heutiger Sicht sicherlich sehr positiven gesellschaftlichen Entwicklung war, dass sich das Bürgertum der neuen vertikalen Mobilität nach oben und nach unten bewusst wurde und alles daran setzte, den Abstand zu dem Unten durch soziale Mauern und Diskriminierung des Wettbewerbs mit allen Mitteln durchzusetzen. Während der Adel über eine bis dato allseits als nachgerade „natürlich“ empfundene und erst jetzt im Verlauf der Gründerzeit langsam morsch werdende soziale Schranke nach unten verfügte, besaß das Bürgertum keine solche Schranke nach unten.

Subtiler adliger Rassismus als gesellschaftlich akzeptierter Vorwand für Ausgrenzung

In meinem letzten Post berichtete ich über einen als latent rassistisch bezeichenbaren diskriminierenden antijüdischen Ton mancher preußischer Adelsfamilien gegenüber dem gründerzeitlichen jüdischen Großbürgertum, das sich allerdings öffentlich nicht so deutlich zu erkennen gab und sich stattdessen lieber in einer eher latent diskriminierenden Haltung gegenüber den „Parvenüs“ auszudrücken pflegte. „Parvenü“ war dabei ein vielfach vollkommen ungerechtfertigtes Etikett, waren doch beispielsweise viele jüdische Bankiers schon seit Generationen Bankiers, weil ihnen schon Generationen zuvor keine andere berufliche Tätigkeit als die des Geld Verleihens zugestanden wurde, mit der sie hätten vermögend werden können. (Bis in das Jahr 1530 war der Geldverleih Christen in deutschen Territorien aufgrund eines kirchlichen Zinsverbots als Geschäftsmodell gar nicht möglich und wurde ausdrücklich nur Juden gestattet. Heute ist der Zins nur noch im Islam verboten, ein Verbot, das allerdings nur auf dem Papier besteht und elegant über alternative Honorarmodelle umschifft wird.)

Ostentativer bürgerlicher Rassismus im „Zweifrontenkrieg“ gegen oben und unten

Ganz anders und viel unzweideutiger rassistisch benahmen sich die bürgerlichen Revolutionäre der 1848er Revolution. Während sich der Adel in erster Linie davor fürchtete, in seiner gesellschaftlichen Stellung von der bürgerlichen Konkurrenz deklassiert zu werden (und „Jude“ also „nur“ ein willkommenes, öffentlich kaum genutztes Etikett für viele derjenigen Bürgerlichen war, die eben besonders erfolgreich waren), mussten sich die liberalen bürgerlichen Revoluzzer gleich von zwei Seiten fürchten: Vor dem Adel und vor den „Kleinbürgern“, zumal den Handwerkern, die sich aufmachten, über die ihnen nun mögliche Bildung die soziale Leiter emporzuklimmen. Und da bot es sich offenbar an, über rassistische Diskriminierung sowohl die wirtschaftlich und sozial über, die wirtschaftlich und sozial neben und die wirtschaftlich und sozial unter ihnen stehenden Juden anzugreifen, denen ja längst das Stigma anhaftete, angeblich klandestin und rücksichtslos den Weg von ganz unten nach ganz oben zu suchen. Die Geist des bürgerlichen deutschen Liberalismus, der seit der „deutschen Revolution“ von 1848 die Gründerzeit prägte, war eine ausgesprochen antisemitische Zeit. Und dieser Antisemitismus wurde sehr öffentlich und sehr brutal von diesen vermeintlich liberalen „Freigeistern“ betrieben. Der Politikwissenschaftler und Ludwig-Börne-Preisträger Götz Aly hat zu diesem Thema vermutlich die umfassendsten Forschungsergebnisse vorgelegt.

3. Selbstverantwortung als Chance und Risiko

Der Mindset dieser bürgerlichen Gründerzeit in Preußen und den mit Preußen verbundenen deutschen Ländern war also sowohl im Positiven wie im Negativen ein Mindset der vertikalen sozialen Mobilität – der Chance, es durch Bildung, Fleiß und Intelligenz bis nach „ganz oben“ zu schaffen. Dieser Chance korrespondierte die Angst davor deklassiert zu werden, eine Angst, die also sowohl die „Leute“ ganz oben als auch die in der Mitte betraf. Nur die „Arbeiter- und Bauernschicht“ ganz unten blieb bis zum 1. Weltkrieg deklassiert und ohne Aussicht, es auch nur ein wenig nach oben zu schaffen. Bismarck brachte ihnen zwar die Krankenversicherung. Aber das Ziel dieser Versicherung war ja gerade, die Arbeiter zu befrieden und als Subjekte der Geschichte zu marginalisieren. Ihre Zeit brach erst nach dem 1. Weltkrieg mit dem Kieler Matrosenaufstand an.

Bemerkenswert an diesem neuen bürgerlichen Mindset des nach oben Strebens sind rückblickend zwei weitere Aspekte:


Übernahme statt Vernichtung

Die erste bemerkenswerte Facette der Gründerzeit ist, dass man den Adel zwar erfolgreich angriff und peu à peu deklassierte, dass man aber alles, was dem Adel selbst gut und teuer war, gerne übernahm: Die Bildung, die Sprache, die Konversation, die Feste, die Salons, die Literatur, die Paläste und Villen, die Gärten, die Urlaubsdomizile und Kurorte  –  man zeigte sich ebenbürtig nicht indem man abschaffte, sondern indem man übernahm. Wie anders nahm sich die Französische Revolution aus, die nicht einmal den traditionellen Kalender gelten ließ, sondern einen komplett neuen erfand!

Das Eintrittstor in die „oberen Zehntausend“ war das heute fälschlich als „Dreiklassenwahlrecht“ bezeichnete Wahlrecht, das nicht etwa einer staatlicherseits definierten sozialen Klasse den Zugang in die Spitzenklasse gesellschaftlichen Einflusses ermöglichte, sondern einer nach dem Anteil an den insgesamt erzielten  Steuereinnahmen bemessenen Spitzen-Steuerklasse. Gesellschaftlich und politisch war klar: Man konnte es als Bürger nach ganz oben schaffen und man konnte auch als verarmter Adliger weit nach unten gelangen. Und es galten weiterhin die spätestens seit Friedrich dem Großen geltenden „preußischen Tugenden“: Disziplin, Fleiß, Ehrgeiz und Bildung. Außerdem galt: Noblesse oblige: Erfolg hatte man oder man hatte ihn nicht. Aber man führte ihn nicht ostentativ spazieren und man sprach erst recht nicht über ihn.

Bürgerlicher Nationalismus

Und zweitens war die Gründerzeit bemerkenswert deutsch. Die Zeit des Absolutismus und der Restauration nach der französischen Revolution war deswegen eine „globale Zeit“, weil die europäische Politik im verwandtschaftlichen Streit der europäischen Fürsten untereinander ausgetragen wurde. Der Wiener Kongress war eigentlich ein Verwandtentreffen so wie sich heute die Treffen der Familien Siemens, Bosch, Henkel usf. als Familientreffen gestalten mögen, bei denen auch und durchaus strittig über das Geschäft gesprochen wird. Und auch jenseits Europas und Russlands sah sich die Restauration um. Der französische Kurzzeit-Außenminister Graf Alexis de Tocqueville schrieb 1835 und 1840 die bis heute Beispiel gebenden Bände über die amerikanische Demokratie. Die „deutsche Revolution“ von 1848 dagegen war eine Revolution von Burschenschaftlern aus Universitätsstädten des Deutschen Bundes und Österreich-Ungarns. Ein Deutschland gab es damals noch nicht. Viele Revolutionäre flohen zwar vor dem Staat ins Ausland, doch man dachte und fühlte erstmals und ironischerweise nicht zuletzt in Abgrenzung gegen die überwundenen napoleonischen Besatzer dezidiert „deutsch”.

Fazit

Die Gründerzeit war eine von politisch und sozial aufstiegshungrigen, gebildeten, energischen, risikobereiten, überwiegend jungen Bürgerlichen initiierte Zeit. Die treibenden Kräfte hatten zwar politischen Rückhalt unter ihresgleichen, jedoch gleichzeitig harte Konkurrenz in den eigenen und Blockadehaltungen in denjenigen Kreisen zu gewärtigen, in die sie eindringen wollten.

Der Kampf um die besten Plätze war gnadenlos. Viele blieben auf der Strecke. Der heroische Selbstmord war wie das ehedem aristokratische Duell ein Signum dieses neuen bürgerlichen Zeitalters. Auch Bauernopfer, insbesondere Juden, sahen sich überall mehr oder weniger offen erklärten Gegnern ausgesetzt.

Die Quelle dieser Umbruchszeit lag in dem wachsenden Bewusstsein gebildeter Individuen, nicht mehr Objekte höherer Mächte zu sein, sondern das eigene Schicksal in den eigenen Händen halten zu können.

Der Grund für diese emanzipatorische bürgerliche Bewegung war zum einen der finanzhungrige insbesondere preußische Staat, der vermögende Bürgerliche gegenüber dem Adel politisch gleichstellen musste, zweitens der durch die voranschreitende Industrialisierung wirtschaftlich gegenüber den Indusstriellen in das Hintertreffen geratende preußische Landadel und drittens schließlich die gegenüber diesem Staat und damit auch gegenüber den Menschen an Einfluss verlierenden Kirchen. Als Epiphänomen des schon auf dem Wiener Kongress 1814/15 erfolgreich niedergerungenen napoleonischen Frankreich war diese Epoche – in Deutschland – zugleich eine durch und durch binnenoriente, (heute würde man sagen nationale Epoche, doch eine deutsche Nation gab es ja – noch – nicht bzw. nicht mehr, weshalb „deutsch” mit der Revolution von 1848 von den bürgerlichen Studenten erstmals als politischer Kampfbegriff ins Feld geführt wurde – auch, aber nicht nur, weil sich gegen ihn seitens der restaurativen Kräften schlecht agitieren ließ).

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