Vom Nutzen der Vorurteile (Teil 3/3): Zukunft erfinden

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Michelangelos Erschaffung Adams
Michelangelos-Interpretation-der-Erschaffung-Adams, Fresko-aus-der- Sixitinischen-Kapelle
Michelangelo: Die Erschaffung Adams, Deckenfresko-Ausschnitt aus der Sistina, Vatikan

Meinen letzten Post schloss ich mit den Worten, kluge Aktienanalysten würden den Rahmen, also die Spannweite, ihrer Prognosen so weit fassen, dass Irrtum nahezu ausgeschlossen ist. Für diejenigen, die es nicht gemerkt haben: Das war Polemik. Denn ein derart weit gefasster Rahmen wäre für Börsianer in etwa so hilfreich wie diese Wetterprognose für Picknick-Planer: „Entweder es regnet morgen oder es bleibt trocken; trockene und feuchte Tagesabschnitte könnten sich allerdings auch zu heute noch unbekannten Zeiten abwechseln.“

Vage Prognosen sind nutzlos

Tatsächlich kann man Analysten nur folgen, wenn ihre Prognosen auch etwas riskieren. Anderenfalls sollte man Lotterie spielen. Man folgt ihnen natürlich nur dann, wenn man ihrem Urteil vertraut. Ihrem Urteil wiederum vertraut man i.d.R. dann, wenn es entweder in den Argumenten oder in der Person der oder des  Urteilenden etwas gibt, das dieses Vertrauen stiftet und rechtfertigt.

Zureichend begründete Prognosen gibt es nicht

Da wir nun aber gesehen haben, dass die rückwärtsgewandten, „historischen“ Argumente der Analysten keinerlei Aussagekraft bezüglich der Zukunft haben und Analysten, soweit sie nicht über paranormale Fähigkeiten verfügen, genauso wenig die Zukunft voraussehen können wie Historiker, kann unser Vertrauen in die Prognose der Analysten eigentlich nur in ihrer Person beruhen.

Das ceteris paribus – Argument, das Zukunftsprognosen dann, wenn sie nicht cent- oder tagesgenau sein wollen, durchaus valide sein können, jedenfalls solange bzw. insoweit die Zukunftsbedingungen eines Unternehmens „normal“ bleiben, die Rahmenbedingungen eines Unternehmens in der Vergangenheit und in der Gegenwart also cum grano salis für die Zukunft fortgeschrieben werden können und man z.B. eine 9-11, Lehmann- oder Corona-Krise für die Zukunft des Analysten per Definition einfach ausschließt, weil sie extrem unwahrscheinlich ist, dieses Argument taugt deshalb nicht, weil auch eine „normale“ Vergangenheit nicht einfach fortgeschrieben werden kann und die Summe peripherer, marginaler neuer Mikroevents mit den neuen Personen, Produktfeatures, Gesetzen, usf. der Zukunft auf eine so mannigfaltige Weise interagieren können, dass eine Prognose auch dann einem Lotteriespiel gleicht.

Dem Bauch vertrauen, dem eigenen Urteil misstrauen?

Warum aber sollten wir dann dem Urteil eines Analysten oder einer Analystin über das wahrscheinliche Eintreten einer bestimmten Zukunft dann mehr vertrauen als einer anderen Person oder auch künstlichen Intelligenz, wenn uns die Argumente selbst – und zwar aus Prinzip – gar nicht überzeugen können sollten?

Wir sagen z.B.: „x hat schon so oft recht gehabt, da muss was dran sein, wenn er (oder sie) das prognostiziert.“ Oder: „x kennt y und z sehr gut und verfügt über langjährige Branchenerfahrung. Daher glaube ich ihr (oder ihm) halt eher als ich a oder b oder c glaube.“ Und bzw. oder: „Ihre/seine Erwartung stimmt mit meinen eigenen Erwartungen/ meinem Bauchgefühl mehr überein als der Report von d, e und f.“

Jeder dieser drei zuletzt genannten Gründe einer Analystin oder einem Analysten Glauben zu schenken liegt offenkundig entweder in meinen persönlichen Vorurteilen begründet oder ist in sich schon absurd: Weil z.B. jemand in der Vergangenheit fünfmal „Recht“ hatte, deswegen ist es mit Nichten per se wahrscheinlicher, dass er oder sie auch beim sechsten Mal Recht haben wird. Es ist auch nicht wahrscheinlicher, dass man erneut eine Sechs würfelt, wenn man zuvor fünfmal eine Sechs gewürfelt hat. Und: Warum sollte ich einem Rat oder einer Empfehlung deswegen folgen, weil sie mit meiner eigenen Erwartung oder meinem Gefühl übereinstimmt, wenn der einzige Grund dafür, dass ich überhaupt einem Rat oder einer Empfehlung folge, der ist, dass ich mich auf mein eigenes Urteil nicht verlassen möchte?

Gute Gründe und Argumente kann man mit etwas Kreativität für nahezu alles finden. Solange die Analystin oder Analyst sich nicht in logische Widersprüche verwickelt und Unsinn niederschreibt, solange ist es am Ende entweder eine Geschmacksfrage, ob ich ihr oder ihm folge oder aber die „Experten“ sind eben so schlau, ihre Prognosen unter derart viele Kautelen zu stellen oder so wachsweich und ungenau zu formulieren, dass sie immer Recht haben werden, solange der berühmte Schwarze Schwan von NN Taleb nicht über den Prognose-Teich schwimmt.

Marktmacht erfindet Zukunft

Das einzige valide Argument, warum man einer Analystin oder einem Analysten gegebenenfalls tatsächlich zutrauen kann, den zukünftigen Wert einer Aktie oder eines Rentenpapiers oder Futures oder was auch immer besser antizipieren zu können als man dazu selbst in der Lage ist, ist der Einfluss, den diese Person möglicherweise hat. Entscheidend ist damit aber nicht die Qualität ihrer Argumente oder eine empirisch dokumentierte hohe „Trefferquote“ dieser Personen und ihrer personalen und maschinellen Zuträger, sondern einzig und allein, wie viele marktmächtige „Follower“ sie hat.  Wenig überspitzt formuliert können wir also festhalten, dass der fundamental operierende Analyst oder sein weibliches Pendant dann, wenn sie großen Einfluss haben, die Zukunft der Märkte und Unternehmen, die sie vorhersagen, nicht prognostizieren, sondern erfinden.

Charttechnik

Anders als man auf den ersten Blick meinen würde, ist die Belastbarkeit der Argumente fundamental operierender Analystinnen und Analysten, auf die wir jetzt geschaut haben, damit genauso fern von einem empirisch vorfindbaren Datenfundament wie das der Charttechniker. Charttechniker interpretieren anhand von Aktienkursverlaufskurven, wann es lohnen soll, Aktien und/oder  ihre Derivate zu kaufen und wann es lohnen soll, sie zu verkaufen. Dabei interessiert es sie dezidiert, emphatisch, nicht, warum der Preis eines Wertpapiers zu einem Zeitpunkt x so hoch und zu einem Zeitpunkt y so hoch war. Stattdessen betrachten sie die die aggregierten Kauf- und Verkaufsgebote von Wertpapieren ausschließlich unter dem Gesichtspunkt eines Kurvenverlaufs selbst, also dezidiert ohne das Geschehen, das zu ihm führte zu würdigen. Da wir aber gesehen haben, dass auch die fundamental agierenden Analysten nur vorgeben, die Gründe zu analysieren, warum Menschen oder die von ihnen beauftragten Maschinen Wertpapiere ge- oder verkauft haben und warum und wann solche Gründe in Zukunft wieder in Erscheinung treten werden, tatsächlich aber diese Gründe zureichend nicht kennen können und schon gar nicht prognostizieren können, wann sie in Zukunft in welcher spezifischen Ausgestaltung und mit welchem Ergebnis wieder auftreten werden, genau deshalb sind die Argumente der Charttechniker zwar überzeugten Empirikern ein Dorn im Auge, tatsächlich aber nicht schlechter als die der Charttechniker. Wirksam und damit Wirklichkeit gestaltend können beide sein, aber eben nur, wenn eine hinreichend große Herde ihnen folgt.

Markteffizienz und Geschichte

Die Position der Markteffizienz-Hypothetiker entspricht im Großen und Ganzen meinem Blick auf Historiker: So wenig es einem Historiker oder einer Historikerin möglich ist „die Wahrheit“ über den Verlauf der Geschichte zu erfassen, weil dieser Verlauf aus unendlich vielen und unendlich unterschiedlich interpretierbaren Daten zusammengesetzt ist, so wenig ist es aus Sicht der Markteffizienz-Hypothetiker Charttechnikern oder Fundamentalanalytikern auf Dauer möglich, den Markt zugunsten der eigenen Kauf- und Verkaufsentscheidungen bzw. -empfehlungen zu „schlagen“. Der Markt hat a priori immer recht und preist in Summe alle Entscheidungen ein. „Die“ Geschichte tut genau das auch. Sie hat immer Recht, egal wer sie interpretiert und wie sie interpretiert wird, denn sie geschieht halt.

Allerdings ist mit dieser Position in der Praxis nicht viel gewonnen. Markteffizienz-Hypothetiker leugnen ja nicht, dass man, auf kurze Sicht und zum eigenen Vorteil, Einfluss auf Märkte nehmen und schneller (re)agieren kann als diese. Und auf lange Sicht sind wir alle sowieso tot. Deshalb ist es zwar korrekt, wenn fundamental vorgehenden Analysten und Charttechnikern vorgeworfen wird, sie reklamierten Wissen, das sie gar nicht haben können. Doch diese Kritik übersieht, dass auch wenig Wissen Wirkung entfalten kann und in aller Regel sogar wirkungsvoller ist als mehr oder viel Wissen.

Da die Menge an Wissbarem unendlich groß ist und da die Menge an Deutbarem ebenfalls unendlich groß ist, deswegen kommt es bei der Analyse von Unternehmen und Märkten nicht auf Fakten an, sondern einzig und allein darauf, wer ihnen folgt und wie viele ihnen folgen. Wichtig und aufschlussreich für Börsianer ist aus diesem Grund immer herauszubekommen, welche Interessen hinter den marktmächtigen Analysen stehen – nicht weil man dann Abstriche an der sowieso nicht gegebenen Objektivität der Analysen machen könnte (wie viel Abstrich hätten Sie den gerne 😉), sondern weil man so erfährt, wer wirklich Einfluss auf das Börsengeschehen nimmt.

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