„Aus der Geschichte lernen?“ Vom fragwürdigen Nutzen von Daten zur Berechnung der Zukunft, oder: Wieviel Sinn das Daten-Sammeln wirklich macht

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Daten-Information-Wissen
Dieser Volkshochschul-Kitsch geht an der Wahrheit vorbei

Teil 1: Vom „nackten Datum“ und seiner Interpretation

Daten sind nutzlos, solange sie keine Informationen liefern. Welche Informationen Daten liefern, liegt wesentlich im Auge des Betrachters. Es ist die Interpretation der Daten und die Auswahl ihres Kontextes, die aus Daten erst Information werden lassen. Diese Auswahl ist willkürlich und von individuellem, subjektivem Vor-„Wissen“ geprägt. In der Nachrichtentechnik lässt sich zwar sagen 1 Bit ist eben 1 Bit und als solches nicht interpretationsbedürftig: 0 oder 1 bei P = 0,5.

Auch Informationstechnik referenziert willkürlich auf Wirklichkeit

Aber IT repräsentiert nur die Wirklichkeit, die Menschen als solche begreifen und referenziert aus menschlicher Sicht willkürlich, also von den einen bewusst so definiert, von den anderen als nicht notwendig verstanden, auf sie. Ob ein Zustand in der Wirklichkeit gleich null oder gleich 1 ist, das erzählt uns die Nachrichtentechnik nicht. Und hier unterscheidet sich die künstliche von der „echten“ Intelligenz. Die künstliche interpretiert nicht. Sie nimmt auf und gibt weiter, was da so geliefert wird. Und das ist eben entweder null oder eins. Nehmen wir einen Temperatursensor. Wenn eine bestimmte Temperatur über- oder unterschritten wird, erzeugt der Sensor einen elektrischen Impuls. Aber an welcher Stelle und wie genau jeweils gemessen werden soll, das sagt uns nicht der Sensor, sondern das sagen wir dem Sensor.

Demgegenüber werden mir als menschlichem Analysten nicht erst Daten zur Verfügung gestellt, die ich anschließend gegebenenfalls auch zu Informationen weiterverarbeiten kann. Vielmehr komme ich als Analyst – und ein jeder von uns ist ein Analyst seiner lebens- und arbeitsweltlich vorgefundenen Daten – nicht umhin, unwillkürlich die vorgefundenen Daten auch zu interpretieren. Vielleicht tue ich das nicht bewusst und reflektiert. Aber ich tue es.

Daten sind Raum-Zeit-gebunden; Information ist es nicht

Noch etwas anderes ist spannend: Während Daten – mutmaßlich – nur innerhalb ihrer unmittelbaren zeitlichen und räumlichen Kontexte existieren, sind die aus ihnen gewonnenen Informationen raum- und zeitübergreifend. Interpretation setzt Daten bzw. deren intuitive Interpretation immer in einen sowohl raum-, als auch augenblickübergreifenden Kontext. Wir hätten überhaupt kein Bewusstsein, keine Chance zur Subjektivität, wenn wir die interpretierten Daten nicht automatisch raum- und augenblickübergreifend kontextualisieren würden.

Was bedeutet das? Zum Beispiel dies: Nicht allein die Zukunft hängt maßgeblich von Gegenwart und Vergangenheit ab, sondern es gilt auch umgekehrt: Das Gestern ist abhängig vom Heute und Morgen. Was gestern war ist abhängig davon, wie ich es heute verstehe und morgen verstehen werde. Natürlich ist hier nur von der von uns wahrgenommene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft die Rede, nicht vom „nackten Datum“ sui generis. Aber von welcher Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sollten Menschen sonst sprechen wollen? Es gibt keine andere. Kein Mensch kann Daten kennen, die nicht bei Kenntnisnahme bereits unwillkürlich interpretiert worden sind und damit im engeren Sinn schon kein „reines Datum“ mehr sind. Das ist verzwickt. Aber es ist wesentlich und sollte von jenen, die naiv von „nackten“ Daten und „rohen Tatsachen“ sprechen, ohne zu verstehen, was das überhaupt sein soll, bedacht werden.

Willkürliche Prinzipien der Interpretation definieren Wirklichkeit

In der Geschichtswissenschaft erleben wir dies derzeit anhand der neuen Interpretation der Wegbereiter der Weimarer Republik, die lange höchst kritisch als willentliche oder versehentliche Wegbereiter des Nationalsozialismus wahrgenommen wurden aber im Lichte der heute beobachtbaren globalen populistischen Tendenzen sehr viel milder beurteilt werden. Der namhafte britische Historiker Quentin Skinner nennt diese aus dem historischen Besser-Wissen heraus abgeleitete freundlichere Wahrnehmung zurückliegender Kontexte „Principle of Charity“, also das Prinzip einer wohlwollenden Interpretation menschlichen Handelns in der Vergangenheit, das darum bemüht ist, menschliche Akteure als maximal vernünftig Denkende und Handelnde zu verstehen.  In der Wirtschaftswissenschaft war dieses Prinzip seit Hume und Locke sehr lange die Norm, gilt inzwischen aber längst als überholt, da individuelles wirtschaftliches Handeln, in der Mehrzahl der Fälle, etwa an der Börse, alles, nur nicht vernünftig zu sein scheint.

Die Vergangenheit lehrt nie die „Wahrheit der Geschicht´“

Sowohl in der Privat- als auch in der Volkswirtschaft und in den Geschichts- und Sozialwissenschaften sowieso, wird nun gerne dem Grundsatz gehuldigt, aus der Vergangenheit lasse sich viel „Nützliches für die Zukunft lernen“. Epistemologisch ist dieser Grundsatz längst verfemt. Kein Historiker würde heute noch riskieren zu behaupten, „die“ einzig wahre oder überhaupt eine “wahre” Erzählung der Vergangenheit zu erzählen.

Interessanterweise verhalten sich die Dinge in der Betriebswirtschaft ganz anders: Welchen Sinn würde es machen, Personen- und Verhaltensdaten zu sammeln, zu horten und auszuwerten, wenn man nicht glaubte, so erstens auf jeden Fall zutreffende Erkenntnisse über z.B. das Zielgruppenverhalten innerhalb eines zurückliegenden Zeitfensters zu erhalten und zweitens daraus mindestens mit hoher Wahrscheinlichkeit auf künftige Verhaltensweisen von Personen bzw. geclusterten Personengruppen rückschließen zu können? Und tatsächlich funktioniert das ja auch.

Wer in absatz- und/oder renditeorientierter Absicht Daten sammelt und auswertet tut dies, weil er oder sie glaubt, anschließend prognostizieren zu können, wie die Zukunft aussieht – nicht die Zukunft insgesamt, die ganze Zukunft, wohl aber die Zukunft innerhalb eines räumlich, zeitlich und/oder sonst wie konditional abgesteckten vorgegebenen Rahmens. Die Rahmenbedingungen sind in der Regel implizit in den ausgewerteten Daten enthalten und werden zusätzlich meist stillschweigend nach der ceteris paribus-Annahme, manchmal aber auch explizit, als in der zu berechnenden Zukunft gegeben vorausgesetzt. Man weiß zwar, dass Nicholas Nassim Talebs „Schwarze Schwäne“ einer Prognose gründlich den Garaus machen können, aber: So what? Ausnahmen bestätigen die Regel!
Wirklich? Dies ist die trügerische Annahme von der Beständigkeit von Wirklichkeit unter ceteris paribus-Bedingungen. Dazu mehr in der kommenden Woche.

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