Der Angel Investor als Chefstratege?
Über Meilen- und andere Mühlsteine am Gründerhals (2/4)

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Meilensteine: Medium der Fremdbestimmung? Gefährlich!
Als Tools der Selbstbestimmung sind sie unentbehrlich.

In meinem letzten Post hatte ich erklärt, Business Angels sollten sich auf ihre Rolle als Investoren beschränken, statt sich allzu sehr als die besseren, erfahreneren Begleiter der von ihnen finanzierten Startups beweisen zu wollen. In dieser Behauptung stecken implizite Unterstellungen, die im Einzelfall sicherlich nicht immer zutreffen. So darf man nicht jedem Angel unterstellen, er oder sie wolle sich, aus welchen Motiven auch immer, selbst beweisen. Auch werden wir nicht pauschal behaupten dürfen, Angels begingen einen Fehler, wenn sie eine Gründerin oder einen Gründer auf ein Risiko oder einen Fehler hinweisen. Schließlich haben die Gründerinnen oder Gründer ja Angels auch deswegen an Bord geholt. Sie wollen smart money, nicht nur money. Ich persönlich glaube zwar, dass mit diesem „smart“ in aller Regel weniger tatsächlich Intelligenz, Netzwerke oder Erfahrungen an Bord geholt werden sollen, als vielmehr die Eitelkeit potenzieller Geldgeber bedient wird. So oder so wäre es aber schon komisch, wenn Angels, die ein Problem bei ihrem Startup identifizieren, dieses nicht einmal zur Sprache bringen dürften.

Darum geht es auch nicht. Zur „Sprache bringen“ ist etwas anderes als „das letzte Wort“ haben wollen. Hier spreche ich aus eigener Angel-Erfahrung, also über mich selbst. Als Angel hat man mit dem Fortschreiten der Finanzierungsrunden sowieso zunehmend immer weniger Mitsprachemöglichkeiten. Und wenn die erste Satzung oder der Gesellschaftsvertrag den Angels oder ihren Beiratsvertretern auch ein bedeutendes Mitspracherecht – theoretisch – einräumen mögen, ändert dies nichts daran, dass die Milch schon vergossen ist, sollte der Angel tatsächlich den Vertrag statt guter Argumente sprechen lassen wollen.

Vor ihrem Investment haben Business Angels allerdings schon einen Hebel: Deal oder no Deal? Das können alle Investoren immer abhängig davon machen, ob die Gründer den von dem Angel oder den Angels  gewünschten strategischen Leitlinien folgen werden, die vertraglich, beispielsweise über die Wahl und Definition der Meilensteine, festgezurrt werden können.

Meilensteine als Mühlsteine am Gründerhals

Angels können ihr Investment nämlich an Bedingungen knüpfen und Konditionen definieren, unter welchen Voraussetzungen die Gründer das im Prinzip zugesagte Kapital wann vollständig eingezahlt erhalten werden. Über diese Wahl und inhaltliche Ausgestaltung der Meilensteine können sie implizit auch festschreiben, wie die Gründer taktisch oder strategisch in ihren Märkten vorgehen sollen, wenn sie das Geld haben wollen.

Ist es klug, diesen Hebel einzusetzen und ist es für die Gründer klug, ihm nachzugeben? Die Antwort auf beide Fragen heißt: Nein!

Gründer, die sich auf Bedingungen von Investoren einlassen, weil sie anderenfalls nicht das nachgefragte Kapital erhalten, sind keine guten Gründer, denn sie handeln nicht aus Überzeugung, sondern aus Not.

Als Business Angel kann man getrost nach dieser Regel gehen und seine Gründer so auf die Probe stellen. Wer sowenig von seinem oder ihrem Vorgehen überzeugt ist, dass er oder sie in dieser allerersten Phase gewissermaßen blind dem Diktat eines Investors folgt, der oder die hat zu wenig zu bieten, als das man sich darauf einlassen sollte – und zwar charakterlich (Stichwort Resilienz) und/oder verständnisseitig.

Auf etwas ganz anderes läuft die Frage hinaus, ob sich Gründerinnen und Gründer von guten Argumenten ihrer Investoren überzeugen lassen und bereit sein sollen, für eine bessere Strategie oder Taktik ihre ursprüngliche Position zu räumen. In diesem Fall haben wir die spiegelverkehrte Situation zu der im letzten Absatz: Diejenigen Gründerinnen oder Gründer, die nicht bereit sind guten Argumenten zu folgen, sind sture Gründerinnen bzw. Gründer, die wider besseres Einsehen an einer schlechten Position festhalten. Auch vor solchen Gründern sollte man als Angel die Finger lassen.

Kommen also Gründerinnen bzw. Gründer und ihre Investorinnen und Investoren zu einer gemeinsamen und wirklich einvernehmlichen Definition der Meilensteine, ist gegen sie nichts einzuwenden – im Gegenteil. Denn gesetzt, die gemeinsam gewählten Meilensteine werden verfehlt: Dann sind beide Seiten – Investoren und Gründer – gezwungen nach den Gründen zu forschen. Vielleicht waren die Meilensteine von beiden Seiten schlecht gewählt. Vielleicht haben sich die Rahmenbedingungen zum Zeitpunkt der Meilenstein-Definition vollkommen gewandelt. Vielleicht wurden Fehler begangen. Dies herauszufinden und offen zu kommunizieren ist nicht Aufgabe des Investors, sondern Aufgabe der Gründer.

Die Qualität des Reportings ist insoweit eine echte Messlatte für die Qualität des Managements. Wird die Meilensteinverfehlung erst offenbar, wenn es schon zu spät ist, der Meilenstein also verpasst wurde, dann gibt es an dieser Stelle offenbar erheblichen Besserungsbedarf des Managements – bei der Investorenkommunikation und wahrscheinlich auch bei der Fähigkeit, anhand von Lead-Indikatoren erkennen zu können, ob die Lag-Indikatoren, also die Meilensteine, voraussichtlich verfehlt werden.

Das post hoc – Problem: Wer weiß schon vorher, was nachher geschehen wird?

Entscheidungs-Situationen sind allerdings bekanntlich so gut wie nie so eindeutig lösbare Situationen. Sie sind auch ganz selten binär zu entscheiden. Wer Recht haben wird oder richtig entscheidet, das weiß ich blöderweise immer erst, nachdem die Folgen meiner Entscheidung ans Licht getreten sind.

Wie verhalten sich also Investoren vor einem Investment, die glauben, eine Gründerin oder einen Gründer auf einen – möglichen – Fehler oder ein Problem bzw. Risiko hinweisen zu müssen, von dem sie aber nicht hinreichend sicher sein können, dass es sich unbedingt um einen Fehler oder ein Problem/ Risiko handelt?

Sie sollte dies unbedingt artikulieren und gemeinsam mit dem/den Gründern diskutieren. Schon aus der Diskussion wird sich ergeben, wie klug und verantwortungsvoll die Gründer mit der Situation umgehen.

Wenn die Gründer im Wesentlichen an ihrer Position festhalten, dann liegt es an dem Angel-Investor, ob er bzw. sie trotz des von ihnen gesehenen Risikos investieren möchte, ob die Gründer sie bzw. ihn eventuell überzeugt haben, ob sie, als Investoren, nach dem Gespräch, das von ihnen gesehene Risiko infolge der geglaubten Fehlentscheidung zwar nach wie vor für existent, aber vielleicht nicht mehr für so gewichtig erachten oder ob sie dann, aus Sorge vor einem Scheitern der Gründung, lieber nicht investieren bzw. wegen der Art und Weise des Umgangs der Gründer mit dem von dem/den Angel/s gesehenen Risiko nicht (mehr) investieren wollen, selbst wenn sie das Problem selbst für gar nicht (mehr)  so groß halten.

Jede dieser Entscheidungen kann vernünftig sein. Und das Gespräch mit den Gründern zeigt erst, was von der Entscheidung selbst zu halten ist. Unvernünftig wäre nur, deswegen zu investieren oder nicht zu investieren, weil man den potenziellen Geschäftspartner (nicht) überzeugen bzw. überreden konnte. Wenn es also nicht um die Sache, sondern um das Ego der Streitenden geht.

Ego gegen Ego: Gründer vs. Angel?

Der letzte Satz klingt akademisch. Klar: Es geht uns allen „natürlich immer nur“ um die Sache. Sowohl Gründerinnen und Gründer als auch Investorinnen und Investoren haben in aller Regel starke Egos und müssen die auch haben. Doch wenn die Willensstärke größer als die Vernunft, also die Bereitschaft ist, guten Argumenten zu folgen, dann hat man es bei solchen Gründern oder Investoren jeweils mit potenziellen Partnern zu tun, mit denen man mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen Erfolg haben wird – nicht als Gründer und nicht als Investor.

Wirklich gute Angels sind deswegen so clever und uneitel, ihren zunächst vielleicht nicht auf Gegenliebe bei den Gründern treffenden Rat nicht als ihren Rat auszugeben, sondern als die schließliche Einsicht der Gründer selbst zu „verkaufen“. Den Ego-Booster haben sie nicht mehr nötig. Und wirklich gute Gründer können sich diese Ego-Allüren natürlich auch sparen. Der Erfolg ihrer Investments reicht ihnen vollkommen aus. Streiten sich beide Seiten wirklich um die Sache, werden sie eine gute gemeinsame Lösung oder einen tragfähigen Kompromiss finden können ohne zu grollen.

Fazit: Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

Das Reden über die Strategie und Taktik der Gründung ist also vor einem Investment für beide Seiten nicht nur gut, sondern notwendig. Meilenstein-Debatten sind dabei besonders zielführend, denn dabei geht es ja um etwas. Beide Seiten wollen erreichbare Meilensteine und sinnvolle Meilensteine. Recht haben wollen als Selbstzweck ist daher Mist. Und der anderen Seite um des lieben Friedens oder des Geldes Willen nachgeben, ist noch mistiger.

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