Verstopfter Filter: Die deutsche Startup-Breitenförderung produziert zu viel kalten Kaffee

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Rezept-fuer-kalten-Kaffee
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Ist der Filter zu voll, wird der Kaffee zu kalt

Alle Jahre wieder wird in Deutschland von der einen oder anderen interessierten Seite Klage darüber geführt, wie unterentwickelt dieses Land in punkto Gründergeist und Startup-Kultur sei.

Der neue, gestern im Handelsblatt vorgestellte DIHK Gründerreport beklagt: „Jeweils 9 Prozent weniger Gründungsinteressierte erörterten mit ihrer IHK grundlegende Fragen der unternehmerischen Selbstständigkeit oder besprachen mit einem IHK-Gründungsexperten ihr konkretes Gründungskonzept.“ Dies seien erneut „Negativ-Rekorde in der Historie der IHK-Gründungsstatistik seit dem Jahr 2002“. Es sei erwartbar, dass Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaiers Gründungsinitiative „Go“ einen ähnlich verhaltenen Effekt haben werde wie seine Mittelstandsstrategie sowie der 10-Punkte Plan seiner „Gründungsoffensive“. Potenziellen deutschen Gründern fehle es am Gründermut. Es werden dann in der Handelsblatt-Besprechung vier den hiesigen Verhältnissen angelastete Gründe benannt, warum, laut Gründerreport, so wenig gegründet werde.

Doch der strategische Ansatz, die Zahl der Gründungsinteressierten zu steigern, nach dem Motto: Je mehr in den Filter hineinkommt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende unten auch etwas Positives herauskommt, ist der falsche Ansatz. Ist der Mut nicht da, sollte schlicht nicht gegründet werden. Auf Breitenförderung und Berater zu setzen, damit zaghafte Gründer doch noch gründen, wird im Ergebnis solche Gründer fördern, denen die “Resilienz” fehlt, die für den Erfolg eines Startups überlebenswichtig ist.

Wie viele Gründungsinteressierte es gibt, sagt nichts über potenzielle Gründungserfolge

Als Grund für die rückläufige Gründerzahl benennt der Gründerreport „die gute Konjunktur der vergangenen Jahre“. Hochschulabgänger, vor die Wahl gestellt nach dem Studium zu gründen oder in Festanstellung zu gehen, suchten heute eher die gut bezahlte, vergleichsweise sichere und weniger arbeitsintensive Festanstellung. Mit der Rezession am Horizont, werde demzufolge für die IHK-Quote alles besser werden…

Als weitere Gründerbremse wird, zweitens, die Bürokratie ausgemacht: 57 Prozent der Existenzgründer betrachteten „die Bürokratie als wichtiges Hemmnis“: „Komplizierte Formulare, Genehmigungsverfahren und intransparente Antragswege“ seien daher „ein wichtiges Thema“.

Drittens „die zu hohe Steuerbelastung“ in Deutschland, welche laut IHK immerhin 51 Prozent der Gründerinnen und Gründer betrübe.

Last but not least forderten immer noch 46 Prozent der Gründerinnen und Gründer, viertens, einen einfacheren „Zugang zu öffentlichen Fördermitteln“.

Die falschen Fragen des DIHK Gründerreports…

Gehen wir diese vier angeblichen Gründe für den Gründungsrückgang gleich einmal Punkt für Punkt durch. Zunächst aber zwei schlichte Fragen:

  1. Welcher potenziell erfolgreiche Gründer oder welche potenziell erfolgreiche Gründerin bemüht sich, vor oder im Verlauf einer Gründung um ein Rendezvous mit einem „Existenzgründungsberater aus den 79 regionalen Industrie- und Handelskammern“ zwecks „Erörterung grundlegender Fragen der unternehmerischen Selbstständigkeit“ oder Diskussion des „konkreten Geschäftskonzepts“? Ich habe natürlich keine Zahlen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Quote bei < 5 Prozent liegt. Denn wer erfolgreich ein innovatives Unternehmen gründet, der oder die hat sich mit dieser Materie, ganz ohne IHK-Berater, längst vorher erschöpfend befasst. Insofern steht die Grundgesamtheit der IHK-Studie auf tönernen Füßen. Wenn Wohl und Wehe des „Start-up-Standorts Deutschland“ davon abhingen, wie ansteigend oder rückläufig die Nachfrage der Gründungsinteressierten nach Beratungsterminen mit der IHK ist, dann könnte man mit vergleichbar bestechender Stringenz behaupten, die deutsche Konjunktur sei eine Funktion der von den lokalen Arbeitsagenturen mit ihren „Kunden“ durchgeführten Beratungsgespräche. Wie viele Gründungsinteressierte es gibt, sagt rein gar nichts über potenzielle Gründungserfolge aus.
  2. Befragte der Gründerreport potenzielle Gründerinnen und Gründer oder befragte er diejenigen, die tatsächlich gegründet haben? Beides wird zumindest im Handelsblatt-Artikel nicht sauber voneinander getrennt. Es ist ja etwas anderes, ob Gründungsinteressierte, die dann von der Gründung Abstand nehmen, über zu hohe Steuern, zu geringe Fördermittel und -quellen und zuviel Bürokratie klagen oder ob die tatsächlichen Gründer dies tun.

… führen auch zu falschen Gründen

Folgen wir dem DIHK Gründungsreport, liegt der erste „Grund“ für Deutschlands rückläufige Gründerzahl in der bis dato guten Konjunktur hierzulande. Sie habe jungen Hochschul- oder Ausbildungsabsolventen die Mühen einer Gründung erspart und ihnen stattdessen zum eigentlich von diesen mehrheitlich nachgefragten Komfort einer Festanstellung verholfen. Dieses Argument ist, gelinde gesagt, ein Witz. Wer meint, Innovations- und Technologieführerschaft sei ein Korollar eher „gemütlich“ orientierter Berufsanfänger, die auf dem ersten Arbeitsmarkt tendenziell das Nachsehen haben, der oder die hat noch nie ein gut funktionierendes Startup von innen gesehen. Wer gründet, weil er oder sie keine Festanstellung bekommt, der oder die sollte nicht gründen und gehört allenfalls für die Statistik der IHKen unter das Rubrum „Gründer“.

Es mag schon sein, dass die ehedem gute Konjunktur zu weniger Beratungsterminen mit den Existenzgründungsberatern der IHKen führte. Doch daraus lässt sich eben nur ableiten, dass weniger Gespräche mit potenziell wenig chancenreichen Gründerinnen und Gründern geführt wurden. Weder lässt sich daraus ableiten, dass Deutschland gründerunfreundlich ist, noch lässt sich daraus ablesen, deswegen seien weniger potenziell erfolgreiche Neugründungen zustande gekommen. Wer den Kaffeefilter bis oben füllt, der bekommt im Ergebnis nicht guten Kaffee, sondern kalten. Dieser „Grund“ ist eine Beleidigung jedes ernsthaften Gründers oder Gründungsinteressenten.

„Zu viel Bürokratie“ schult Resilienz

Der zweitwichtigste, bzw. am zweithäufigsten von Gründern oder potenziellen Gründern genannte „Grund”, die deutsche Bürokratie, ist ähnlich fadenscheinig. Möchte irgendjemand ernsthaft behaupten, das Ausfüllen lästiger Formblätter sei eine zu hohe Hürde für Menschen, die der künstlichen Intelligenz den Weg in die Niederungen praktischer Alltags- oder nützlicher Industrieanwendungen ebnen möchten? Kann irgendjemand ernsthaft glauben, diese Gründer könnten scheitern, weil ihnen zu viele Behördengänge zur Last fallen? Für die Gründung von Tattoo- und Nagelstudios, Schnellimbiss-Einrichtungen oder Spielotheken mag das, vielleicht, zutreffen.

Startups zahlen kaum Steuern

Drittens, die Steuerlast: Startups schreiben im Jahr ihrer Gründung normalerweise überhaupt keinen Umsatz. Und sie schreiben in der ersten Zeit auch danach – hoffentlich – noch keine „schwarzen Zahlen“, denn in der frühen Wachstumsphase ist es wichtiger, zulasten des Ergebnisses den Markt zu besetzen, wie Jeff Bezos zum langjährigen Missfallen der ersten amazon-Investoren eindrucksvoll zeigen konnte. Zu hohe Steuern sind für junge Neugründungen mit Sicherheit auch in Deutschland zunächst einmal überhaupt kein Thema. Hier scheint der Gründerreport Gründer als politische Waffe zu missbrauchen, als eine Waffe allerdings, die danebenschießt.

Fördertöpfe gibt es mehr als genug

Bleibt der vierte „Grund“ für Deutschlands angeblich schwachen Gründermut: Der schwierige Weg an den Trog der Fördermittel. Auch dieser aus den Umfragen der DIHK abgeleitete Grund ist lächerlich. Denn aufgrund seiner dezentralen Struktur finden sich vermutlich in keinem anderen europäischen Land so viele Startup-Fördertöpfe gründergerecht von den Beratern und Wirtschaftsförderern von EU, Bund, Ländern und Gemeinden aufbereitet wie in Deutschland.

Fazit

Es ist ein Irrglaube zu meinen, Deutschland werde dadurch zum Startup-Eldorado, dass man das hiesige Supportnetzwerk der Industrie, der Hochschulen, der Kapitalgeber, des Bundes, der Länder und Gemeinden weiter ausbaut, mit zusätzlichen personalen oder monetären Mitteln ausstattet oder mit Laternen für idiotensichere Pfade zu den Fördertöpfen aufhübscht. Und es ist ebenso ein Irrglaube zu meinen, mehr Gründungsinteressierte führten zu mehr Startups mit Aussicht auf Erfolg. Es ist deswegen ein Irrglaube, weil es hier längst nicht mehr darum gehen kann, für dieses hochkompetitive Umfeld die Breite noch weiter aufzublähen, Mittelmaß zu finanzieren, Mittelmaß, das sowieso nicht auf Augenhöhe mit dem Wettbewerb aus dem angelsächsischen, skandinavischen und chinesischen Raum mitspielen kann. Anders als im Bildungswesen oder bei Fragen des sozialen Ausgleichs muss sich Startup-Förderung daran messen lassen, wieviele Startups nachhaltig, also nach dem Ende der Förderung und VC-Finanierung, im Wettbewerb bestehen, also mit den Besten der Besten weltweit mithalten können. Und sie sollte sich außerdem danach bemessen lassen, wieviele in Deutschland bleiben können, statt sich ins Ausland verkaufen lassen zu müssen, weil dafür in Deutschland zu wenig Kapital bereit steht.  

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