Was bleiben wird (Teil 1/4): Gründerzeit damals und heute

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Das frühklassizistische Brandenburger Tor als Emblem der späteren Gründerzeit ironisch versehen mit einem Bild der heutigen Gründer Ikone Oliver Samwer
Das Brandenburger Tor: Ikone Berlins und bis heute Gründer – Emblem

Wir leben seit Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts in einer neuen Gründerzeit. Wie niemand und nichts sonst auf dieser Welt bestimmen Gründer seitdem den globalen Diskurs mit ihren Technologien, Visionen und Menschen. Selbst Themen, die unmittelbar wenig mit den Gründern und ihren Technologien zu tun haben, wurden und werden durch die Prismen der Gründerthemen ins Licht gerückt: Dark Net, Renewables, Security…

Das Silicon Valley, das chinesische Shenzhen und das indische Bangalore sind die Hotspots, aus denen das Kapital kommt und zu denen es strebt. Der Diskurs ist kein Binnendiskurs nur unter Eingeweihten, sondern durchzieht sämtliche wissenschaftlichen und kulturellen Disziplinen, Branchen, sozialen Schichten und globalen Regionen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, nach dem Sieg des Norddeutschen Bundes im deutsch-französischen Krieg 1870/71 und der anschließenden Krönung des Preußenkönigs Wilhelm I zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles erlebte Deutschland, begünstigt durch den Fluss französischer Reparationsgelder, schon einmal eine Gründerzeit – und zwar eine, die aufgrund der damals anstehenden und von den damaligen Gründern initiierten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche tatsächlich einer ganzen Epoche ihren Namen verlieh. Ein Vergleich zwischen damals und heute könnte also spannend aussehen.


Was unterscheidet die Mentalität unserer heutigen Gründerzeit von derjenigen vor 150 Jahren?

Diese Frage ist für ein Blog Post sicherlich zu komplex. Ich werde dennoch in meinem dritten Post dieser Reihe einen verkürzten Abriss unserer heutigen Zeit geben, wie ich es nachstehend in dieser ersten Folge und in der zweiten Folge für die Gründerzeit des vorletzten Jahrhunderts tun werde. In einer vierten Folge wird dann verglichen.

Mein Anspruch kann dabei kein wissenschaftlicher sein, zumal mir zur heutigen Zeit der Abstand fehlt. Auf der anderen Seite: Ob man nun „innerhalb” einer Zeit steht und diese daher nur myopisch-verschwommen wahrnehmen kann oder ob man von außerhalb auf eine ja erst später als „Epoche” definierte vergangene historische Epoche schaut: Subjektiv bleiben beide Sichten. Der Nutzen einer solchen vergleichenden Betrachtung kann daher weniger darin liegen, objektiv zutreffende Interpretationen einer bestimmten Zeit zu liefern, als vielmehr darin, überhaupt und selbstkritisch über sie nachzudenken und aus diesem vergleichenden Prozess Anregungen und Ideen für künftige Vorhaben zu schöpfen.

Die Gründerzeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts

Die Gründerzeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte mit der beginnenden Industrialisierung als Folge der Dampfturbine und später der Elektrifizierung des Landes schon lange vorher, im 18. Jahrhundert, begonnen. Doch der Begriff „Gründer“, den schon die Zeitgenossen verwandten und der nicht etwa auf die Reichsgründung 1871 gemünzt war, war in der damals tonangebenden „ersten“ Gesellschaft schlecht konnotiert. Gründer galten dort als Person gewordene Sedimente des flüchtigen, spekulativen Börsen-Geldes: Schnell gewonnen und schnell zerronnen. Die mit ihrem neuen Geld erfolgreichen Gründer-Protagonisten galten den gesellschaftlich tonangebenden konservativen preußischen Junkern als „Neureiche“. War man unter sich, rümpfte man in vornehmer Zurückhaltung ein wenig die Nase. Zu dieser Haltung gesellte sich vielfach auch eine rassistische Note, waren doch gerade erfolgreiche Gründer und ihre Bankiers überproportional häufig jüdischer Abstammung. Doch man übertrieb es nicht mit dem Naserümpfen und hielt sich öffentlich zurück, war man doch wirtschaftlich und angesichts des in Preußen herrschenden Dreiklassenwahlrechts auch politisch zunehmend auf die erfolgreichen Industriellen angewiesen.

Genauso ambivalent wie der „Landadel” verhielten sich die aufstrebenden bürgerlichen Gründer. Nachdem sie seine wirtschaftliche Potenz vielfach übertrumpft hatten, begehrten sie seine gesellschaftliche Stellung. Das hinderte sie nicht daran, sich gleichzeitig über sie lustig zu machen: Der autoritär disponierte, kriegslüsterne, antiliberale Junker Ostelbiens ist eine zeitgenössische Karikatur und nicht etwa eine aus der historischen Vogelperspektive. Allerdings wussten sich diese „nouveaux riches“ in Stil und Geist dem Landadel mindestens ebenbürtig. Nun sehnten sie sich eben nach einer ebenbürtigen gesellschaftlichen Stellung. Ihr Geld verschaffte ihnen beides, das Dreiklassenwahlrecht des preußischen Staates bot ihnen die Eintrittskarte. Und viele industrielle Gründer und ihre Banker wurden nobilitiert.

So wenig der Adel ostentativ gegen das liberale Bürgertum opponierte oder öffentlich Antisemitismus zelebrierte, so wenig war also das neue Bürgertum darauf bedacht, dem Adel seine Existenzberechtigung zu nehmen. Problematisch war der „Geldadel“ für den „echten“ preußischen Adel sicherlich. Aus letzterem hatte sich bis dahin überwiegend auch die Führung des Staates und der höheren Beamtenschaft rekrutiert, an dessen Futter- und Einflusströge diese „Parvenüs“ nun strebten. Ohne Frage war dies eine schwierige Situation für das adlige Establishment, das politische und gesellschaftliche „Middle Management“ damals.

Doch die Krone „unter“ Bismarck, dieser selbst ein Landadliger, allerdings ein kluger, gerissener,  handelte durch und durch rational. Gemeinsam wählte man die Nationalliberalen und machte sie bis zu ihrem Zerfall nach dem ersten Krieg zur dominanten, die Reichsregierung stützenden Partei.

Die Gründerzeit war eine Zeit der Vernunft oder, wenn man so will, der verspäteten deutschen Aufklärung.

Gründerzeitlich-preußische Strenge: Mobiliar des Klassizismus und Biedermeier


Gründerzeit als kunsthistorische Epoche

Heute wird die Gründerzeit vor allem kunst- und architekturhistorisch erinnert. Klassizismus und Biedermeier waren die vor, während und unmittelbar nach der Gründerzeit in Deutschland dominanten Stilrichtungen. Architektur und Mobiliar zeichneten sich durch eine strenge, zurückgenommene, wenig verspielte geradlinige Formgebung aus, die nichts mit dem später vielfach als „bieder“ bezeichneten „Gelsenkirchener Barock“ zu tun hatte, mit dem sich in der Zeit des Nationalsozialismus und danach erneut in den 50igeer und 60iger Jahren viele ins kleinbürgerliche Milieu migrierten Arbeiterhaushalte „schmückten“, um von ihrem – relativen – Wohlstand zu künden.

Dagegen der Opulenz simulierende spätere “Gelsenkirchener Barock”

Abgelöst wurde das Biedermeier- und klassizistische Mobiliar vom Jugendstil, der organische, ornamentale Lebendigkeit an die Stelle der klaren, strengen Form setzte.

Jugendstil-Mobiliar: Geschwungene, organische Formen anstelle preußischer Strenge

Einem „Zuviel“ an liberaler Vernunft war man offensichtlich irgendwann überdrüssig geworden. Erst der Nationalsozialismus unter Albert Speer und später auch die Stalin-Architektur reinkarnierten den Klassizismus als einen ins Brutale und Monumentale gewendeten Neoklassizismus.

Gründerzeit-Architektur: Schwanthaler Straße, München (Architekt August Zeh, 1905)

Emblematische Personen der Gründerzeit

Sucht man nach Personen, die für die Gründerzeit typisch, charakteristisch waren, dann wäre es falsch, auf die Gründer der damaligen Zeit zu schauen. Diese mochten für die Gründer repräsentativ sein, waren es aber sicher nicht aber für die von ihnen geprägte Zeit. Die Folgen eines Sturms sieht man schließlich im Auge des Sturms sicherlich am schlechtesten. Auch unsere Zeit wird zwar von Leuten vom Schlage eines Bill Gates, Steve Jobs, Larry Page, Jeff Page, Elon Musk oder auch Oliver Samwer geprägt. Genau diese Leute charakterisieren aber sicherlich nicht die Mentalität unserer von ihnen geprägten Zeit.

Für die Gründerzeit in Deutschland an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wird niemand Besseres zu finden sein, als der nationalliberale Kanzler und Außenminister der Weimarer Republik und Friedensnobelpreisträger Gustav Stresemann.

Nicht nur ein Kind seiner Zeit: Reichskanzler und Außenminister Stresemann

Die Gründerzeit war da zwar schon Geschichte, doch Stresemann war noch ein Kind dieser Zeit. Als Sohn eines kleines Gastwirts und Bierverlegers hatte er es zum Chef der Reichsregierung und dann zum Chef der adligen Trutzburg innerhalb der Weimarer Regierungen, des Auswärtiges Amts, gebracht. Als fremdsprachenunkundiger Weltpolitiker setzte er sich kalkuliert über bisher dominante Konventionen hinweg, ernannte bürgerliche Botschafter und setzte die Welt mit dem Bruch von Kleidungskonventionen ins Staunen: Bei der Außenminister-Konferenz im Oktober 1925 im schweizerischen Locarno verhalf er dem von ihm aus pragmatischen Gründen „erfundenen“ und später nach ihm benannten „Stresemann“, einem Anzugs-Hybrid aus Straßenanzug und Cut, unter Bruch aller bis dahin gültigen Kleidungskonventionen des diplomatischen Parketts, zu spektakulärem Durchbruch.

Stresemann, diese singuläre Figur, war sicherlich ein Solitär, eine absolute Ausnahmeerscheinung, aber gerade aufgrund seiner Herkunft, seiner politischen Ziele und seines innen-, wirtschafts-, sozial-, und außenpolitischen Wirkens dennoch für die widersprüchlichen Kräfte dieser Umbruchszeit sehr emblematisch.

Als Außenpolitiker war er stets vor allem Wirtschaftspolitiker und Globalist. Außenpolitische Krönung seines Wirkens war die Aufnahme der Weimarer Republik in den Völkerbund im Jahr 1926. Als Wirtschaftspolitiker lag ihm aus pragmatischen und moralischen Gründen der Arbeitsfrieden am Herzen. Seine eigene Herkunft hatte er nie vergessen. In seinem Brotberuf als Lobbyist, zunächst der sächsischen Schokoladenindustrie, dann als Syndikus des von ihm ins Leben gerufenen sächsischen Industriellenverbandes, bewies Stresemann außerordentlich großes Geschick und war dabei besonders auf den Ausgleich von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen bedacht.

Schon als Student war Stresemann außerdem ein erklärter, später antisemitische Reaktionen kühl und mit offenem Visier in Kauf nehmender Philosemit. Seine Frau war jüdischer Abstammung. Sein plötzlicher Tod infolge gesundheitlicher Gebrechen löste 1929 weltweit, ganz besonders beim ehemaligen und künftigen Erzfeind Frankreich, Bestürzung aus.

Vergleichbar emblematisch war vielleicht nur der zur gleichen Zeit wie Stresemann politisch aktive Industriellensohn und Industrielle (AEG) Walther Rathenau, auch er Wirtschafts- und Außenpolitiker, auch er Außenminister, auch er liberal, auch er zwischen linken und rechten Positionen lavierend, auch er hochbegabt in nahezu jeder Geistesdisziplin, und auch er, außerdem, nicht nur Philosemit, sondern selber Jude. Vermutlich wurde er nicht zuletzt deshalb 1922 ermordet.

Interessant ist, dass der großbürgerliche Industrielle Rathenau die eher linksliberale DDP zu seiner Partei wählte, der aus dem Kleinbürgertum stammende Stresemann dagegen die rechtsliberale, Nationalliberale Partei.

Kennzeichnend für beide Biographien ist das Disparate, Spannungsreiche als Folge des Aufeinandertreffens gegensätzlicher, die Umbruchszeit erfassender Strömungen.

Beide Genannten konnten diese Kräfte aufgrund ihrer Fähigkeiten und Kräfte bündeln, kanalisieren und fruchtbar machen und doch waren beide nicht stark genug, ihrer Zeit dauerhaft den persönlichen Stempel aufzudrücken. Den einen zerbrach seine angegriffene Gesundheit, den anderen ein Mordkomplott und beide eine Zeit, die einfach noch nicht reif genug war, ihre zukunftsweisende Energien dazu zu nutzen, die Weimarer Republik vor ihrem Zerfall zu bewahren.  

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